{"id":9,"date":"2015-10-25T10:04:40","date_gmt":"2015-10-25T09:04:40","guid":{"rendered":"http:\/\/wp.rainertetzlaff.de\/wP\/?p=9"},"modified":"2020-08-03T13:04:32","modified_gmt":"2020-08-03T11:04:32","slug":"verstummter-dialog-religionen-im-globalen-kontext","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.rainertetzlaff.de\/index.php\/2015\/10\/25\/verstummter-dialog-religionen-im-globalen-kontext\/","title":{"rendered":"Verstummter Dialog? Religionen im globalen Kontext"},"content":{"rendered":"<p><iframe loading=\"lazy\" class=\"strobemediaplayback-video-player\" src=\"https:\/\/lecture2go.uni-hamburg.de\/liferay-jedi-theme\/javascript\/strobe\/embed.html?src=rtmpt:\/\/fms.rrz.uni-hamburg.de\/vod\/_definst_\/mp4:7l2gbam4575\/00.000_tetzlaff_2015-10-19_18-15.mp4&amp;poster=https:\/\/lecture2go.uni-hamburg.de\/images\/00.000_tetzlaff_2015-10-19_18-15.jpg\" width=\"500\" height=\"250\"> <\/iframe><\/p>\n<p><script><\/script>Dass sich Deutschland durch den j\u00e4hrlichen Zuzug von Tausenden von Menschen anderer L\u00e4nder, anderer Religionen, anderer Kulturen st\u00e4ndig ver\u00e4ndert, ist ein Vorgang, der im historischen Kontext der Globalisierung zur europ\u00e4ischen Normalit\u00e4t geworden ist. Die Integration dieser Immigranten und Fl\u00fcchtlinge wird zurecht als \u201aJahrhundertaufgabe\u2018 begriffen, aber sie erzeugt bei den einen Wut, blinde Wut und macht auch Angst \u2013 sicherlich nicht allen Menschen aber doch wohl vielen: Angst vor \u201a\u00dcberfremdung\u2018, Angst vor\u00dcberforderung, Angst vor Kontrollverlust, d. h. Angst dass wir es trotz guter Vors\u00e4tze und trotzig-aufmunternder Worte der Kanzlerin doch \u201anicht schaffen\u2018.<a title=\"\" href=\"file:\/\/\/D:\/Rainer\/AWR-VORTRAG_OKTOBER_2015_Verstummter_Dialog.doc#_ftn1\">[1]<\/a> Bundespr\u00e4sident Joachim&nbsp; Gauck sagte k\u00fcrzlich: \u201eUnsere Herzen sind weit, aber unsere Mittel sind begrenzt\u201c. F\u00fcr einige fehlgeleitete \u201aPatrioten\u2018 am rechten Rand ist die Angst der B\u00fcrger ein eintr\u00e4gliches Gesch\u00e4ft geworden.<\/p>\n<form id=\"fordyForm\" action=\"verstummter-dialog-religionen-im-globalen.aspx?53bae824-6709-404b-a0b5-1536f5380c5f=649edbab-3a6d-415d-a6e0-f50a8ca581f7&amp;95aafd75-9495-4dc9-b8dd-1fdcfa43eb61=1423e06f-8bd3-4a47-bae3-3fea070a838c&amp;98adefd39-9898-4dc9-b8ee-1facea65bb89=7490e06f-8ca9-85a2-bc4a-3fea981ba11c\" method=\"post\" name=\"fordyForm\">\n<div id=\"page\">\n<div id=\"floatholder\">\n<div id=\"contentcontainer\">\n<div id=\"content\">\n<div>\n<p>Diffuse Angst jedoch, gepaart mit grunds\u00e4tzlicher Ablehnung aller fremden Einfl\u00fcsse, ger\u00e4t in Gefahr, rassistische Ressentiments zu entwickeln, oder gar Wut und Gewaltattacken gegen Andersdenkender zu starten, wie z. B. gegen Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihren Vize Sigmar Gabriel. Ihnen w\u00fcnschte eine PEGIDA-Demonstration in Dresden am 13. Oktober 2015 auf Transparenten den Galgen wegen ihrer angeblichen zu weit gehenden Offenheit f\u00fcr Fremde. Diese Verrohung der Protest- und Demonstrationskultur unter der Minderheit der Rechtsradikalen hat damit \u2013 so wie es scheint &#8211; eine neue Qualit\u00e4t erreicht<a title=\"\" href=\"file:\/\/\/D:\/Rainer\/AWR-VORTRAG_OKTOBER_2015_Verstummter_Dialog.doc#_ftn2\">[2]<\/a>: statt nur Politikverdrossenheit nun Politikverachtung, und sogar Messerattacken auf Politiker, die sich f\u00fcr eine rasche und humane Eingliederung von Fl\u00fcchtlingen einsetzen wie die K\u00f6lner Oberb\u00fcrgermeisterin-Kandidatin Henriette Reker.<\/p>\n<p>Heut stellt sich die Frage: Wie sollen wir in einer kulturell-religi\u00f6s sehr heterogen gewordenen Gesellschaft zusammen leben? Beispielsweise finden es hierzulande 81% der muslimischen Jugendlichen wichtig, an Gott zu glauben, bei den anderen, meist christlichen Jugendlichen sind es dagegen nur 38% &#8211; d. h. ein gutes Drittel<a title=\"\" href=\"file:\/\/\/D:\/Rainer\/AWR-VORTRAG_OKTOBER_2015_Verstummter_Dialog.doc#_ftn3\">[3]<\/a>. Brauchen wir trotz aller Unterschiede gemeinsame Werte oder ein \u00fcberkonfessionelles Leitbild? Ist es berechtigt, die Neuank\u00f6mmlinge umstandslos auf das deutsche Grundgesetz und den bei uns geltenden Moralkodex zu verpflichten \u2013 als der verbindliche moralische Ma\u00dfstab f\u00fcr alle? Kommen nicht Menschen aus Syrien, \u00c4gypten, Eritrea oder Afghanistan zu uns, die auch ihre eigenen moralischen Wertma\u00dfst\u00e4be haben, die sie in ihrer religi\u00f6sen Erziehung genossen haben und die in einigen Punkten von unseren abweichen? Sind wir berechtigt, weil wir die Macht dazu haben, von den Migranten die Aufgabe ihrer kulturell-religi\u00f6sen Identit\u00e4t zu verlangen, wenn diese von unseren Soll-Vorschriften abweichen? M\u00fcssen wir uns nicht auch auf die Bew\u00e4ltigung der \u201aJahrhundertaufgabe\u2018 mit mehr Offenheit, Flexibilit\u00e4t und Gelassenheit einstellen \u2013 nicht nur materiell sondern auch mental und in unserem Toleranzverst\u00e4ndnis? \u2013 Auf diese Fragen versuche ich im Folgenden einige vorl\u00e4ufige Antworten zu geben.<\/p>\n<p>Wenn sich Menschen unterschiedlicher Kulturen und Religionen auf engem Raum und in gro\u00dfer Zahl begegnen \u2013 auch ein Merkmal der Globalisierung -, dann m\u00fcssen alle lernen, dazulernen, manchmal umlernen, sich \u00f6ffnen f\u00fcr Neues, f\u00fcr Fremdes. Betrachten wir folgendes Beispiel, das zeigen soll, wie rasch man sich von einseitig interpretierten und verbrauchten Begriffen des politischen Alltags irreleiten l\u00e4sst. Dschihadisten sind f\u00fcr uns im Allgemeinen Furcht erregende Krieger, die im Namen Gottes Gewalt anwenden und gegebenenfalls auch Gegner oder Feinde t\u00f6ten. Ein junger Muslim hingegen lernt in der Koranschule, der Moschee oder hier bei seinem Lehrer oder Mullah, dass der Begriff Dschihad urspr\u00fcnglich und eigentlich bis heute \u201esich anstrengen\u201c bedeutet, d. h. \u201edas Beste von sich geben\u201c, das Ringen in seinem Innern, um sich selbst gegen Hochmut und Ignoranz gegen andere zu l\u00e4utern. Der Prophet Mohammed nannte dies den gro\u00dfen Dschihad, die t\u00e4gliche Anstrengung, w\u00e4hrend er als kleinen Dschihad den \u00e4u\u00dferen militanten Kampf gegen Ungl\u00e4ubige bezeichnete, der \u00fcbrigens auch nur zu Verteidigungszwecken erlaubt war<a title=\"\" href=\"file:\/\/\/D:\/Rainer\/AWR-VORTRAG_OKTOBER_2015_Verstummter_Dialog.doc#_ftn4\">[4]<\/a> (nach). Es w\u00e4re doch gar nicht so verkehrt, wenn auf dem Schulhof jugendliche Muslime mit ihren christlichen, j\u00fcdischen, atheistischen, buddistischen Klassenkameraden \u00fcber die Relevanz des so verstandenen Dschihad zusammen diskutieren w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Angesichts der 60&nbsp; Millionen Fl\u00fcchtlinge auf der Welt und der im Gang befindlichen \u201eV\u00f6lkerwanderung\u201c<a title=\"\" href=\"file:\/\/\/D:\/Rainer\/AWR-VORTRAG_OKTOBER_2015_Verstummter_Dialog.doc#_ftn5\">[5]<\/a> von S\u00fcd nach Nord<a title=\"\" href=\"file:\/\/\/D:\/Rainer\/AWR-VORTRAG_OKTOBER_2015_Verstummter_Dialog.doc#_ftn6\">[6]<\/a>, von der Dritten Welt nach Europa \u2013 m\u00f6chte ich mit einer historischen Bewertung der Globalisierung beginnen (Tetzlaff 2008), &#8211; ein permanent stattfindender Prozess der Entgrenzung und Neuverflechtung, der durch das globale Internet speziell f\u00fcr Migrationswillige und Fl\u00fcchtlinge von brennender Aktualit\u00e4t ist. Man sieht wie andere leben und f\u00fchlt sich in seinem Wunsch nach einem besseren Leben befl\u00fcgelt. So wie wir sie heute als vielseitige Begegnung von B\u00fcrgern aus vielen L\u00e4ndern und Kulturen der Erde erleben, ist die Globalisierung das vorl\u00e4ufige Ende einer historischen Entwicklung, die mit dem europ\u00e4ischen Expansionismus zu Zeiten Christopher Kolumbus vor ca. 500 Jahren begann. Unter den vier Gro\u00dfkulturen der Zeit \u2013 China, Byzanz, Islam und Abendland \u2013 hat nur der christliche Westen (mit seiner militanten Papstkirche an der Spitze) eine Zivilisation der territorialen und kulturellen Ausdehnung und Unterwerfung fremder V\u00f6lker hervorgebracht. Erst Lateinamerika und Asien, sp\u00e4ter auch Afrika wurden bis zum 2. Weltkrieg gewaltsam kolonisiert \u2013 und partiell auch europ\u00e4isiert. \u201eEurop\u00e4ischer Expansionismus ist ein zentraler Aspekt des europ\u00e4ischen Sonderwegs\u201c<a title=\"\" href=\"file:\/\/\/D:\/Rainer\/AWR-VORTRAG_OKTOBER_2015_Verstummter_Dialog.doc#_ftn7\">[7]<\/a>. Was passierte dabei? Tausende von meist kleinen Gemeinschaften in \u00dcbersee, die vor der Ankunft der Europ\u00e4er ein Eigenleben f\u00fchrten, die sich selbst ern\u00e4hren konnten, die einen Anf\u00fchrer hatten, der auch Kriege gegen Nachbarn f\u00fchrte, die auch ihre eigenen G\u00f6tter und Werte hatten, &#8211; all diese V\u00f6lker wurden gegen ihren Willen in ein kapitalistisches Weltsystem integriert \u2013 meist nur als Lieferanten von Rohstoffen, von Sklaven, Elfenbein, Kautschuk bis hin zu Kaffee, Baumwolle, Erd\u00f6l und Uran. Kein Zweifel, einige Einheimische \u2013 die Bildungs-Eliten &#8211; profitierten von diesem kolonialen System der europ\u00e4ischen Fremdherrschaft, die Mehrheit der Menschen aber blieb arm, abh\u00e4ngig von au\u00dfen und in ihrer kulturellen W\u00fcrde meist besch\u00e4digt, weil abgewertet. Vor dem Ersten Weltkrieg wollten zum Beispiel die Kolonial-Deutschen in ihren Kolonien in Afrika aus \u201eNegern\u201c Menschen machten; sie ignorierten dabei, dass sie mit Peitsche, Bibel und Schnaps aus Menschen \u201eNeger\u201c machten.<\/p>\n<p>Nun folgen noch einige weitere Beispiele f\u00fcr unsere unerw\u00fcnschten Einwirkungen auf L\u00e4nder Afrikas und des Nahen Ostens:<\/p>\n<ul>\n<li>Im Iran st\u00fcrzten im Jahr 1953 Geheimdienste von USA und Gro\u00dfbritannien den nationalistischen Premierminister Mossadegh und setzten dann die Shah-Marionette ein, dessen diktatorische Herrschaft den Aufstieg Ayatollah Khomeinis beg\u00fcnstigte;<\/li>\n<li>in Afghanistan intervenierten erst die Engl\u00e4nder, dann die Russen, dann die US-Amerikaner und schlie\u00dflich auch die Deutschen gegen Einheimische, allesamt vergeblich<a title=\"\" href=\"file:\/\/\/D:\/Rainer\/AWR-VORTRAG_OKTOBER_2015_Verstummter_Dialog.doc#_ftn8\">[8]<\/a>;<\/li>\n<li>in \u00c4gypten intervenierten im Zuge des Suez-Krieges von 1956 Frankreich, England und Israel milit\u00e4risch gegen Abdel Nasser, den Held der arabischen Renaissance;<\/li>\n<li>im Irak zettelte im Jahr 2003 ein US-amerikanischer Pr\u00e4sident einen Aggressions-Krieg an und schuf damit die Voraussetzung f\u00fcr die Verw\u00fcstung des Landes durch die M\u00f6rderbanden des so-genannten Islamischen Staates;<\/li>\n<li>in <strong>Syrien, <\/strong>dem 1919 von den V\u00f6lkerbunds-M\u00e4chten England und Frankreich die politische Unabh\u00e4ngigkeit verweigert worden war (trotz solcher Versprechen w\u00e4hrend des Ersten Weltkriegs, als man die Araber gegen Deutschland brauchte) intervenierten mehrere ausl\u00e4ndische M\u00e4chte sowohl milit\u00e4risch (u. a. USA, England, Frankreich, Russland) als auch diplomatisch, ohne die syrische Zivilbev\u00f6lkerung vor Giftgas-Eins\u00e4tzen und Streubomben-Angriffen des Asad-Regimes sch\u00fctzen zu k\u00f6nnen<a title=\"\" href=\"file:\/\/\/D:\/Rainer\/AWR-VORTRAG_OKTOBER_2015_Verstummter_Dialog.doc#_ftn9\">[9]<\/a>.<\/li>\n<li>Der ehemalige-EKD-Vorsitzende Prof. Wolfgang Huber hat k\u00fcrzlich im Hinblick auf den Genozid in Syrien angemerkt, dass milit\u00e4rische Interventionen von au\u00dfen, auch gut gemeinte, gro\u00dfes Leid und Unheil anrichten k\u00f6nnten, aber man solle nicht vergessen, dass auch das Gegenteil zutr\u00e4fe: Das Unterlassen von milit\u00e4rischen Interventionen im Dienst der Menschlichkeit \u2013 Srebrenica 1995 (als die Welt zusah, wie Serben 8000 Muslime, bosniakische M\u00e4nner, ermordeten), ferner Ruanda 1994 und Syrien von 2011 bis heute \u2013kann gro\u00dfes Leid der Zivilbev\u00f6lkerung zur Folge haben, &#8211; Leid, das man im Sinne der neuen humanit\u00e4ren V\u00f6lkerrechtsnorm \u201eResponsibility to protect\u201c, d. h. \u201eSchutzverantwortung der Staatengemeinschaft bei Verbrechen gegen die Menschlichkeit\u201c h\u00e4tte verhindern k\u00f6nnen (im Fall Syriens die USA mittels einer Flugverbotszone). Es kommt also sehr auf die besonderen kulturellen-historischen Umst\u00e4nde an, ob und wieweit Freiheitsrechte realisiert werden k\u00f6nnen und wann die scheinbare Tugend der Gewaltvermeidung und Toleranz gegen\u00fcber Verbrechen gegen die Menschlichkeit in eine S\u00fcnde der unterlassenen Hilfeleistung von Schutzbed\u00fcrftigen umschl\u00e4gt.<\/li>\n<li>Auch beim Sturz des libyschen Diktators Gadafi spielte der Westen \u2013 diesmal mit Ausnahme Deutschlands \u2013 eine unr\u00fchmliche, weil arrogante Rolle: Seitdem versinkt das Land im Chaos.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Und noch ein letztes Beispiel: Vor einem halben Jahrhundert befreiten sich die kolonisierten V\u00f6lker des sub-saharischen Afrikas, setzten gutm\u00fctig die Modernisierung ihrer Wirtschafts- und Sozialsysteme fort, die die Kolonialherren begonnen hatten, um dann heute zu erleben, dass f\u00fcr die junge Generation ihrer Staaten \u2013 etwa 20 Millionen in muslimischen L\u00e4ndern des Nahen Ostens, und mehr als 100 Millionen in afrikanischen L\u00e4ndern &#8211; kein Platz mehr ist: nicht genug Jobs, Slum-H\u00fctten statt H\u00e4user, niedrige Einkommen f\u00fcr viel zu gro\u00dfe Familien, Malaria und Aids, und dazu noch die Land-Enteignung im Zuge des globalen \u201a<strong>land-grabbings<\/strong>\u2018 seitens der internationalen Agrar-Konzerne. Heute wollen die Ausl\u00e4nder nur noch die Bodensch\u00e4tze und das weltweit knapper werdende Ackerland Afrikas, nicht mehr die dort lebenden Menschen \u2013 in der Denke der \u201aglobal players\u2018 sind sie systemisch irrelevant geworden<a title=\"\" href=\"file:\/\/\/D:\/Rainer\/AWR-VORTRAG_OKTOBER_2015_Verstummter_Dialog.doc#_ftn10\">[10]<\/a>.<\/p>\n<p>Es fallen uns jetzt \u2013 gewisserma\u00dfen &#8211; die Schattenseiten der Globalisierung vor die F\u00fc\u00dfe, auf die F\u00fc\u00dfe &nbsp;\u2013 d. h. ein Wirtschafts- und Sozialmodell, das sich als gro\u00dfartig f\u00fcr die einen und als Fluch f\u00fcr die anderen entpuppt hat: mit einem Wort: Es garantiert keine nachhaltige menschenw\u00fcrdige Entwicklung f\u00fcr die Menschheit. Und wenn man dann noch die Hauptverursacher des lebensbedrohlichen Klimawandels hinzurechnet \u2013 USA, Europa, China &#8211; , der die Wanderung von Millionen von Klimafl\u00fcchtlingen wohl unvermeidlich machen wird<a title=\"\" href=\"file:\/\/\/D:\/Rainer\/AWR-VORTRAG_OKTOBER_2015_Verstummter_Dialog.doc#_ftn11\">[11]<\/a>, dann wird die vollmundige Ank\u00fcndigung der politischen F\u00fchrer der Welt auf der j\u00fcngst stattgefundenen UN-Konferenz v\u00f6llig unverst\u00e4ndlich, in wenigen Jahren \u2013 bis 2030 \u2013 Hunger und Armut in der Welt \u00fcberwunden zu haben<a title=\"\" href=\"file:\/\/\/D:\/Rainer\/AWR-VORTRAG_OKTOBER_2015_Verstummter_Dialog.doc#_ftn12\">[12]<\/a>. So etwas grenzt an den Versuch zur Volksverdummung.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist dieser kursorische, aber notwendige R\u00fcckblick auf die historischen Nord-S\u00fcd-Beziehungen nur eine grobe Skizze (und in Wirklichkeit ist alles viel komplexer), aber ich finde es wichtig, dieses Narrativ einer Jahrhunderte alten, nicht sehr gl\u00fccklichen Begegnung Europas mit der \u00fcberseeischen Welt im Bewusstsein zu haben; denn die ankommenden Fl\u00fcchtlinge tragen ihr eigenes Geschichtsbild mit sich und in diesem d\u00fcrfte die Erinnerung an die Arroganz des Westens noch nicht verdr\u00e4ngt sein. Vielmehr f\u00fchlt man sich seit Jahrhunderten vom Westen in paternalistischer, wenn nicht gar feindlicher Absicht mental belagert (Diner 2006 , Lewis 2002, Armstrong 2001, Mernissi&nbsp;&nbsp; , Kramer 2009).<\/p>\n<p>M\u00f6glicherweise ist so auch das von vielen Muslimen und Nicht-Muslimen beklagte \u201eSchweigen der Ulama\u201c zu Fragen der Gegenwart zu erkl\u00e4ren<a title=\"\" href=\"file:\/\/\/D:\/Rainer\/AWR-VORTRAG_OKTOBER_2015_Verstummter_Dialog.doc#_ftn13\">[13]<\/a>. Einst galt der Grundsatz \u201eex oriente lux\u201c \u2013 aus dem Osten kam das Licht -, und heute? Viele Gl\u00e4ubige w\u00fcnschen sich ein deutliches Wort der islamischen Gelehrten und Imame zu den Menschenrechten, zur Gewalt-Frage, zum Umgang mit Frauen und schlechthin zum s\u00e4kularen modernen Verfassungsstaat. Gelten alle Scharia-Vorschriften auch f\u00fcr Muslime, die in einer nicht-muslimischen, s\u00e4kularen Gesellschaft leben? Wie soll die muslimische Jugend das Recht auf Religionsfreiheit verstehen, wenn doch auf Konversion oder Apostasie theoretisch-theologisch die Todesstrafe steht? <a title=\"\" href=\"file:\/\/\/D:\/Rainer\/AWR-VORTRAG_OKTOBER_2015_Verstummter_Dialog.doc#_ftn14\">[14]<\/a><\/p>\n<p>Und dieser R\u00fcckblick auf unsere gemeinsame aber asymmetrische Vergangenheit ist auch f\u00fcr uns wichtig, wenn wir uns nun beherzt wie Angela Merkel an die Herkules-Aufgabe machen und machen m\u00fcssen, Millionen von Menschen aus Staatszerfallsl\u00e4ndern aufzunehmen und wenn m\u00f6glich menschenw\u00fcrdig zu integrieren. Ob wir diesmal mehr Empathie und Geschick aufbringen im Dialog mit Anderen<a title=\"\" href=\"file:\/\/\/D:\/Rainer\/AWR-VORTRAG_OKTOBER_2015_Verstummter_Dialog.doc#_ftn15\">[15]<\/a>? Mir geht es hier und heute nicht darum, zu streiten, wie vielen Kriegs-Fl\u00fcchtlingen und Asylbewerbern Deutschland ein Dach \u00fcber den Kopf bauen sollte \u2013 das tolerierte Maximum der Fl\u00fcchtlingsaufnahme wird in der Demokratie letztlich nicht von der politischen Klasse, sondern von der Zivilgesellschaft bestimmt &#8211; ; sondern was passiert nach der ersten Hilfeleistung, nach der vollzogenen \u00e4u\u00dferen Aufnahme von Hunderttausenden in unsere St\u00e4dte und D\u00f6rfer? Wie reagiert die Zivilgesellschaft<a title=\"\" href=\"file:\/\/\/D:\/Rainer\/AWR-VORTRAG_OKTOBER_2015_Verstummter_Dialog.doc#_ftn16\">[16]<\/a> \u2013 \u00e4ngstlicher oder w\u00fctender oder schweigender R\u00fcckzug in die eigene fremdenfeindliche Heimat-H\u00f6hle oder Einladung der hilfsbed\u00fcrftigen Migranten ins gemeinsame Mehrfamilien-Haus?<a title=\"\" href=\"file:\/\/\/D:\/Rainer\/AWR-VORTRAG_OKTOBER_2015_Verstummter_Dialog.doc#_ftn17\">[17]<\/a><\/p>\n<p>Im Folgenden m\u00f6chte ich dar\u00fcber reflektieren, was im Interesse eines fruchtbaren Dialogs an Anpassungen und an <strong>Zumutungen<\/strong> auf beiden Seiten auf uns zukommt und innovativ zu leisten sein wird; zum einen auf der Seite Deutschlands als Immigrationsland, das sich ja dazu bekennt, dass auch der Islam Bestandteil seiner Kultur und Geschichte sei, und zum anderen auf der Seite der muslimischen Gl\u00e4ubigen, die einerseits ihren Glauben behalten wollen und andererseits aber verfassungstreue B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger einer s\u00e4kularen Gesellschaft werden sollen und wohl auch werden wollen. Dass dies m\u00f6glich ist, habe ich im vergangenen Jahr in einer Diskussion mit dem Hamburger <strong>Schura-Vorsitzenden Dr. med. Mustafa Yoldaz<\/strong>&nbsp; erlebt, der auf die Frage aus dem Publikum, \u201aGibt es aber nicht f\u00fcr Muslime bei aller Integrationsbereitschaft und erwiesener Integrationsf\u00e4higkeit ein Problem mit der Scharia?\u2018 \u2013 mit dem bemerkenswerten Satz antwortete: \u201eF\u00fcr mich in Deutschland ist das Grundgesetz die Scharia\u201c \u2013 d. h. der letztg\u00fcltige Ma\u00dfstab bei m\u00f6glichen Konflikten zwischen Religion und gelebter Alltagspraxis.<\/p>\n<p>Aber es gibt auch andere Erfahrungen. Ich hoffe, dass es mir meine ehemalige Studentin der Islam-Wissenschaften und der Politikwissenschaft \u00d6zlem Topcu, Absolventin dieser Universit\u00e4t, die heute als festangestellte Journalistin bei der Wochenzeitschrift \u201eDie Zeit\u201c arbeitet, verzeiht, wenn ich sie hier mit folgendem Bericht zitiere:<\/p>\n<p>\u201eVor einigen Tagen habe ich mein Profilbild auf Facebook ge\u00e4ndert. Wo vorher mein Gesicht zu sehen war, steht jetzt der arabische Buchstabe \u201an\u00fbn\u2018. Er steht f\u00fcr das Wort Nasara, wie arabische Muslime Christen nennen. Die Terroristen des IS schmierten ihn beispielsweise im irakischen Mossul an die T\u00fcren von H\u00e4usern, in denen Christen wohnen (auch die H\u00e4user der Schiiten wurden markiert). Es hei\u00dft, das diese H\u00e4user nun dem \u201aIslamischen Staat\u2018 (IS) geh\u00f6ren. Ihre Bewohner wurden teilweise vertrieben oder ihnen geschah Schlimmeres. Nutzer auf Facebook und Twitter benutzen den Buchstaben n\u00fbn fortan als ein Symbol der Solidarit\u00e4t mit den verfolgten und bedrohten Christen.<\/p>\n<p>Auf mein Profilbild erhielt ich Reaktionen von Muslimen, die ich so nicht erwartet h\u00e4tte. Was haben die IS-Terroristen mit uns zu tun? Warum wirfst du uns mit diesen Freaks in einen Topf? Muss man sich jetzt als Muslim von jedem Schei\u00df distanzieren? Generalverdacht! Islamfeindlichkeit! Israel beschie\u00dft UN-Schulen in Gaza! Der Westen hat den IS doch \u00fcberhaupt erst geschaffen! Und was ist mit dem von Christen begangenen Unrecht auf der Welt? Kreuzritter! Islam ist Frieden! Ja, klar, du als T\u00fcrkin bei einer deutschen Zeitung musst nat\u00fcrlich so etwas machen, damit du bei den Deutschen mitspielen darfst\u201c<a title=\"\" href=\"file:\/\/\/D:\/Rainer\/AWR-VORTRAG_OKTOBER_2015_Verstummter_Dialog.doc#_ftn18\">[18]<\/a>.<\/p>\n<p>Ja, die religi\u00f6sen Gr\u00e4ben sind noch tief \u2013 aber das Positive daran ist die Tatsache, dass es hierzulande unter Berufung auf das Menschenrecht auf Meinungsfreiheit m\u00f6glich ist \u2013 oft besser als in den islamischen L\u00e4ndern selbst &#8211; , die Kontroversen \u00fcber das richtige Islam-Verst\u00e4ndnis und die richtige Koran-Auslegung zwischen tief gl\u00e4ubigen Menschen verschiedener Glaubensbekenntnisse auszutragen \u2013 und zwar gewaltfrei. Das ist die einzige Diskurs-Bedingung, auf die sich \u2013 nach meinem Verst\u00e4ndnis &#8211; alle verpflichten lassen m\u00fcssen. Was die innerislamische Diskussion \u00fcber den rechten Glauben prinzipiell so schwer macht, ist die bekannte Tatsache, dass es keine zentrale religi\u00f6se Lehrautorit\u00e4t gibt, die eine f\u00fcr alle Sunniten und Schiiten verbindliche Koran-Interpretation vorlegen k\u00f6nnte; und dass daher der Koran seit Jahrhunderten einem Prozess st\u00e4ndiger Auslegung seitens diverser Gelehrter unterliegt \u2013 von den Anh\u00e4ngern des Aristoteles bis zu den heutigen <strong>Reformverweigerern<\/strong>. Letztere w\u00fcrden die Ansicht vertreten, dass der Islam als Lehrgeb\u00e4ude abgeschlossen sei, sich nicht neuen Erkenntnissen \u00f6ffnen m\u00fcsste und dass \u201eauf die Fragen des 21. Jahrhunderts die Antworten aus dem 9. Jahrhundert ausreichen\u201c w\u00fcrden (Khorchide 2015, S. ..).<\/p>\n<p>Mein bescheidenes Anliegen ist es, Muslime (und Nicht-Muslime) in unserem Land darin zu best\u00e4rken, sich mit der teilweise gro\u00dfartigen, teilweise tragischen Geschichte ihrer eigenen Kultur und Religion intensiver zu besch\u00e4ftigen und die gro\u00dfe Bandbreite religi\u00f6ser und philosophischer Erkenntnisse zu entdecken! Zum Beispiel die geistreichen Diskurse mittelalterlicher und neuzeitlicher Gelehrter dar\u00fcber, wie sich Vernunft und Glaube miteinander vereinen lie\u00dfen<a title=\"\" href=\"file:\/\/\/D:\/Rainer\/AWR-VORTRAG_OKTOBER_2015_Verstummter_Dialog.doc#_ftn19\">[19]<\/a>. Wohl alle Reform-Muslime sind sich in dem einen Punkt einig, dass die \u201eAmputation des arabischen wissenschaftlichen Geistes\u201c (Mernissi) durch angst-besessene Eliten \u00fcberwunden werden m\u00fcsse. \u201aWir m\u00fcssen wieder mehr auf M\u00fcndigkeit und Vernunft setzen\u2018, auf \u00d6ffnung hin zu anderen Kulturen wie es die Muslime in Bagdad des 9. Jahrhunderts getan hatten, nach der Aufforderung des Propheten Mohammed \u201asuchet Wissen und wenn ihr bis China gehen m\u00fcsstet\u2018<a title=\"\" href=\"file:\/\/\/D:\/Rainer\/AWR-VORTRAG_OKTOBER_2015_Verstummter_Dialog.doc#_ftn20\">[20]<\/a>. Es ist gut und wichtig, wenn wir der Minderheit der geistreichen Reform-Bef\u00fcrworter und auch ihren Widersachern hier im Westen respektvoll eine Arena f\u00fcr gewaltfreie Konfliktkultur bieten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Nicht verschwiegen werden soll aber auch, dass es Skeptiker gibt, wie etwa den <strong>Arabisten Ludwig Wick<\/strong>, der k\u00fcrzlich in seiner Habilitationsschrift \u201eIslam und Verfassungsstaat. Theologische Vers\u00f6hnung mit der politischen Moderne?\u201c zu dem Urteil kam: \u201c Solange also die <strong>umma <\/strong>vom Individuum zugunsten einer h\u00f6heren Ordnung den Verzicht auf grundlegende Pers\u00f6nlichkeitsfreiheiten\u201c, z. B. das Recht auf Meinungs- und Glaubensfreiheit, fordert (Wick, S. 176), \u201ewird es keinen echten <strong>Religionsfrieden<\/strong> hier zulande\u201c und auch keine nachhaltige Wiedergeburt der einst gro\u00dfen arabischen Kultur geben k\u00f6nnen<a title=\"\" href=\"file:\/\/\/D:\/Rainer\/AWR-VORTRAG_OKTOBER_2015_Verstummter_Dialog.doc#_ftn21\">[21]<\/a>.<\/p>\n<p>Und wie eine historische Widerlegung oder zumindest Einschr\u00e4nkung dieser pessimistischen Aussage ereignete sich im Jahr 2011 -der \u201eArabische Fr\u00fchling\u201c, der wenigstens in einem Falle &#8211; im Falle <strong>Tunesiens<\/strong> &#8211; gezeigt hat, dass der Aufstand gegen den politischen und \u201ekulturellen Erstickungstod einer frustrierten Jugend\u201c (Mernissi 1992, 65) zu einem erfolgreichen Dialog zwischen politischen und religi\u00f6sen Kontrahenten um die Zukunft des Landes f\u00fchren konnte<a title=\"\" href=\"file:\/\/\/D:\/Rainer\/AWR-VORTRAG_OKTOBER_2015_Verstummter_Dialog.doc#_ftn22\">[22]<\/a>. Das <strong>Nobelpreis-Komitee<\/strong> in Oslo hat dem tunesischen \u201eQuartett f\u00fcr den Nationalen Dialog\u201c den diesj\u00e4hrigen Friedensnobel-Preis zugesprochen. In Tunesien hatte vor vier Jahren der \u201eArabische Fr\u00fchling\u201c begonnen, der zun\u00e4chst den Diktator verjagt und dann eine soziale und kulturelle Revolution seitens der unterdr\u00fcckten Zivilgesellschaft ausgel\u00f6st hatte. Als auch diese in Tunesien \u2013 wie in Libyen und \u00c4gypten \u2013 angesichts zahlreicher politischer Morde und Selbstmord-Anschl\u00e4gen von Islamisten auf Kultur- und Touristenst\u00e4tten in einen B\u00fcrgerkrieg abzugleiten drohte, in welchem sich Islamisten, gem\u00e4\u00dfigte Muslime und s\u00e4kulare Reformer verst\u00e4ndnislos gegen\u00fcberstanden, da konstituierte sich 2013 ein Quartett von vier gro\u00dfen Verb\u00e4nden zu einem pragmatischen Zweckb\u00fcndnis des Dialogs.<\/p>\n<p>Reden statt schie\u00dfen!\u201c. Das war ihr Motto, und dieses zivilgesellschaftliche B\u00fcndnis war stark und konfliktf\u00e4hig genug, auch die streitenden politischen Parteien an einen Tisch zu bringen und einer Verfassung zuzustimmen, die das kulturelle-islamische Erbe bewahrte und gleichzeitig die s\u00e4kularen Werte der modernen Welt garantierte. Daher hei\u00dft es zu Recht in der Begr\u00fcndung des Nobelpreiskomitees, dass \u201edas tunesische Volk das Fundament f\u00fcr eine nationale Bruderschaft gelegt\u201c h\u00e4tte, das anderen L\u00e4ndern als Beispiel dienen m\u00f6ge<a title=\"\" href=\"file:\/\/\/D:\/Rainer\/AWR-VORTRAG_OKTOBER_2015_Verstummter_Dialog.doc#_ftn23\">[23]<\/a>.<\/p>\n<p>Ich komme nun zur zweiten Seite des Dialogs \u2013 Was m\u00fcssen wir hier in Deutschland besser machen oder dazulernen, um den Dialog mit den Muslimen und ihre Integration in deren neuen Heimat zu erleichtern<a title=\"\" href=\"file:\/\/\/D:\/Rainer\/AWR-VORTRAG_OKTOBER_2015_Verstummter_Dialog.doc#_ftn24\">[24]<\/a>. Befragen wir zuerst den bekannten Historiker Heinrich August Winkler \u2013 ein Experte f\u00fcr Deutsche Geschichte. Zum Thema der kulturellen Integration hatte er folgendes zu sagen<a title=\"\" href=\"file:\/\/\/D:\/Rainer\/AWR-VORTRAG_OKTOBER_2015_Verstummter_Dialog.doc#_ftn25\">[25]<\/a><\/p>\n<p>\u201eDie Bedingung der M\u00f6glichkeit des friedlichen Zusammenlebens von Menschen aus h\u00f6chst unterschiedlichen Kulturen in einem [westlichen] Staat [wie der BRD] ist die Anerkennung einer gemeinsamen politischen Kultur, n\u00e4mlich jener des Westens.<\/p>\n<p>Diese beruht auf der unbedingten Achtung der Menschenrechte, darunter der Religionsfreiheit und der Gleichstellung von Mann und Frau. Ohne die Ein\u00fcbung und Verinnerlichung dieser Werte von fr\u00fcher Kindheit an kann Integration nicht gelingen. Die Zukunft der westlichen Demokratien h\u00e4ngst davon ab, ob sie diese Herausforderung erkennen \u2013 und meistern\u201c<\/p>\n<p>Und was versteht Winkler unter den <strong>westlichen Werten<\/strong>als Kern einer gemeinsamen Kultur im neuen Deutschland? &nbsp;Er nannte die folgenden f\u00fcnf:<\/p>\n<ul>\n<li>Die Anerkennung der unver\u00e4u\u00dferlichen Menschenrechte mit universeller G\u00fcltigkeit;<\/li>\n<li>die Herrschaft des Rechts; des Prinzips der Gewaltenteilung; der Volkssouver\u00e4nit\u00e4t und die repr\u00e4sentativen Demokratie\u201c (Ebd.).<\/li>\n<\/ul>\n<p>W\u00fcrden Muslime, die heute aus Syrien, Afghanistan, Eritrea oder \u00c4gypten nach Europa fl\u00fcchten, weil sie in ihrer Heimat an Leib und Leben meist durch muslimische Herrscher bedroht sind, dem s\u00e4kularen Kulturverst\u00e4ndnis von Prof. Winkler ohne weiteres zustimmen k\u00f6nnen?<\/p>\n<p>Es w\u00e4re unehrlich, hierauf mit einem klaren \u201eJa\u201c antworten zu wollen<a title=\"\" href=\"file:\/\/\/D:\/Rainer\/AWR-VORTRAG_OKTOBER_2015_Verstummter_Dialog.doc#_ftn26\">[26]<\/a>. Denn auch eine solche vom sympathischen Wunschdenken gepr\u00e4gte Position l\u00e4uft Gefahr, eine wichtige Menschheitserfahrung zu \u00fcbersehen: Politische Freiheiten und fortschrittliche gesellschaftliche Rechtsnormen haben eine meist konfliktreiche Vorgeschichte, d. h. eine Generationen lange Entstehungsphase mit offenem Ausgang, w\u00e4hrend der kulturelle Lernprozesse stattfinden und gemeinsame Erfahrungen ihren institutionellen Niederschlag finden. Von fremden Zuwanderern die \u00dcbernahme der Normen und Werte der Einwanderungsgesellschaft zu erwarten, k\u00e4me einer mentalen und spirituellen \u00dcberforderung gleich: Auch bei ehrlichem Willen zur Integration k\u00f6nnte er seine eigene in der Heimat erworbene Identit\u00e4t nicht einfach aufgeben (z. B. was seine verinnerlichten Verhaltensnormen gegen\u00fcber Kindern, dem Ehepartner, dem Geistlichen oder gegen\u00fcber Andersgl\u00e4ubigen angeht). Auch den Immigranten und Fl\u00fcchtlingen von heute ist daher aus Gr\u00fcnden der Fairness dieses Anrecht auf eine angemessene Lern- und Eingew\u00f6hnungsphase zuzugestehen, in denen eine Ann\u00e4herung an zentrale Werte und Rechtsnormen der Mehrheitsgesellschaft erfahren (in Integrations-Kursen) und gegebenenfalls einverleibt werden kann<a title=\"\" href=\"file:\/\/\/D:\/Rainer\/AWR-VORTRAG_OKTOBER_2015_Verstummter_Dialog.doc#_ftn27\">[27]<\/a>. Die erfolgreiche Gestaltung dieser Phase ist in erster Linie eine Aufgabe des Staates, der Zivilgesellschaft und der islamischen Kulturgemeinden (die auch schon begonnen haben, in dieser Richtung zu arbeiten). Gleichwohl ist die Entstehung von Parallelgesellschaften mit kulturell-religi\u00f6sem Eigenleben aus Trotz und Unverst\u00e4ndnis wohl kaum ganz vermeidbar, &#8211; wenigstens f\u00fcr eine heikle \u00dcbergangszeit ist mit ihnen zu rechnen. Das geschieht nicht ohne Risiken; denn die Verlockung ist gro\u00df, sich den Anforderungen des s\u00e4kularen Rechtsstaats klammheimlich zu entziehen und sich etwa so-genannten Friedensrichtern anzuvertrauen, der am Grundgesetz vorbei Recht spricht (Wagner 2011).Dabei soll nicht etwa eine kulturelle Assimilation der Fremden an das Autochthone der Mehrheitsgesellschaft gefordert oder erwartet werden \u2013 die Zeiten der \u201akulturellen Schmelztiegel\u2018 sind vorbei -, sondern ein kollektiver Lernprozess, der beide Seiten ver\u00e4ndern wird und w\u00e4hrenddessen eine gemeinsame Zukunft auf der Grundlage von unterschiedlichen Vergangenheiten erstritten werden muss.<\/p>\n<p>Was das Ergebnis sein wird und wie lange es dauern wird, bis ein geregeltes Neben- &nbsp;und Miteinander der unterschiedlichen kulturell-religi\u00f6sen Milieus in einer neuen pluralistischen Netzwerk-Gesellschaft mit reichem Kulturgut erreicht sein wird, kann heute niemand sagen, aber heute werden dazu die Weichen gestellt. F\u00fcr eine kritische \u00dcbergangszeit sind auch mit heftigen Konflikten zu rechnen \u2013 genau wie in England, Frankreich, Kanada, USA und anderen Einwanderungsl\u00e4ndern -, was aber mit einem neu zu erarbeitenden Verst\u00e4ndnis von <strong>Toleranz<\/strong> in die rechten Bahnen zivilisierter Konfliktf\u00e4higkeit gelenkt werden muss. Aber welcher Art von Toleranz?<\/p>\n<p>Wie gro\u00df die Herausforderung ist, erkennt man auch daran, dass offensichtlich auch die verschiedenen Varianten der Weltreligionen zunehmend fundamentalistische Z\u00fcge annehmen. Nach der Einsch\u00e4tzung des franz\u00f6sischen Islamwissenschaftlers Olivier Roy \u201ebefinden wir uns in einem historischen \u00dcbergangsprozess, in dem traditionelle Formen des Religi\u00f6sen zu fundamentalistischen Formen des religi\u00f6sen mutieren. Allen Mutationen gemeinsam sei, dass sie eine gr\u00f6\u00dfere Sichtbarkeit im \u00f6ffentlichen Raum anstrebten und einen Bruch mit den herrschenden Praktiken und Kulturen herbeif\u00fchrten\u201c. Die heiligen Texte (Bibel, Koran usw.) w\u00fcrden au\u00dferhalb jedes Kulturzusammenhangs zum Sprechen gebracht. \u201eDas Ergebnis sei eine karge, kompromisslose und auf sich selbst bezogenen Religiosit\u00e4t\u201c (Kiefer 2015, S. 83).<a title=\"\" href=\"file:\/\/\/D:\/Rainer\/AWR-VORTRAG_OKTOBER_2015_Verstummter_Dialog.doc#_ftn28\">[28]<\/a> Auch der in M\u00fcnster lebende Islamwissenschaftler und Arabist Thomas Bauer hat eine ganz \u00e4hnliche Tendenz der A-Historisierung und Verengung religi\u00f6ser und rechtlicher Normen bei Muslimen festgestellt, die heute, bedroht vom hegemonialen Diskurs des Westens und daher \u201eauf der Suche nach religi\u00f6ser Gewissheit\u201c, ihre einstige Diskurspluralit\u00e4t eingeb\u00fc\u00dft h\u00e4tten (Bauer 2014, S. 376 f.).ihre ein<\/p>\n<p>Das f\u00fcr dialogbereite und weltoffene Muslime w\u00fcnschenswerte Endprodukt eines Weges zu einer \u201egemeinsamen Zukunft\u201c hat beispielsweise Ednan Aslan, Professor f\u00fcr islamische Religionsp\u00e4dagogik, als europ\u00e4ischen Islam bezeichnet und es wie folgt begr\u00fcndet:<\/p>\n<p>\u201eGerade die arabischen Muslime sehen es als Schw\u00e4che des Westens, dass hier Gott nicht mehr ganz so ernst genommen wird. Ihre eigene Religiosit\u00e4t aber empfinden sie als moralische \u00dcberlegenheit und St\u00e4rke. Sie m\u00fcssen lernen, dass in Europa nicht in erster Linie der eigene Glaube, sondern die Toleranz gegen\u00fcber anderen z\u00e4hlt. Hier geht es nicht um Gott, sondern um das friedliche und respektvolle Zusammenleben aller. Genau das ist unsere St\u00e4rke\u2026Ich begr\u00fc\u00dfe unsere europ\u00e4ische S\u00e4kularit\u00e4t<a title=\"\" href=\"file:\/\/\/D:\/Rainer\/AWR-VORTRAG_OKTOBER_2015_Verstummter_Dialog.doc#_ftn29\">[29]<\/a>. Denn sie geh\u00f6rt zur Freiheit. Ohne diese Freiheit g\u00e4be es beispielsweise keine Gleichberechtigung der Frau. Viele Araber, auch arabische Frauen, betrachten die weibliche Selbstbestimmung als soziale Verwahrlosung. Wir m\u00fcssen unsere freiheitlichen Positionen besser begr\u00fcnden und verteidigen. Diese F\u00e4higkeit ist bei uns unterentwickelt\u201c<a title=\"\" href=\"file:\/\/\/D:\/Rainer\/AWR-VORTRAG_OKTOBER_2015_Verstummter_Dialog.doc#_ftn30\">[30]<\/a>.<\/p>\n<p><em>&nbsp;<\/em>Und was die Muslime in Europa angeht, so warnt <strong>Ednan Aslan<\/strong> vor einer drohenden Fundamentalisierung des islamischen Glaubens, etwa auf dem Weg einer von Saudi-Arabien gef\u00f6rderten Arabisierung des Islams im Sinne des Wahhabismus, einer \u2013so w\u00f6rtlich \u201eVerachtungstheologie\u201c, und fordert: \u201eEs geht jetzt nicht darum, in der Religion auf eine eigene Wahrheit zu verzichten, sondern die Wahrheit der anderen f\u00fcr genauso legitim zu halten wie die eigene. Das ist die Grundlage der europ\u00e4ischen Pluralit\u00e4t. Wir brauchen immer mehr einen europ\u00e4ischen Islam, der die Muslime zur Pluralit\u00e4t bef\u00e4higt. Sonst bleiben die Muslime immer auf der Flucht, <strong>ohne innere Heimat<\/strong>\u201c (Ebd.).<\/p>\n<p>Das sind beeindruckende Worte: Integration hei\u00dft in diesem Sinne, Muslimen auch in der Fremde, in der Diaspora, oder in dem von Muslimen und Nicht-Muslimen gemeinsam bewohnten Stadtviertel oder Dorf eine \u201einnere Heimat\u201c zu erm\u00f6glichen. Ob die geplanten 200 Moscheen, die Saudi-Arabien angeblich den deutschen Muslimen spenden wird, dazu ein hilfreicher Beitrag sein kann, darf getrost bezweifelt werden. Der Whabismus, der t\u00f6dliche K\u00f6rperstrafen bei angeblichem Ehebruch praktiziert, verletzt deutsches Verfassungsrecht und passt nicht nach Deutschland. Das sehen die Islam-Verb\u00e4nde genauso.<\/p>\n<p>Halten wir fest: Auf der politischen Tagesordnung vieler Einwanderungsl\u00e4nder, nicht nur in Deutschland, steht die Errichtung einer neuen komplexeren und kulturell ambivalenten \u201eHeimat\u201c, nachdem uns die Globalisierung mit ihren fundamentalistischen Herausforderungen und Zumutungen \u00fcberrollt hat. In der englischen Sprache gibt es f\u00fcr diesen Vorgang der kultureller Ersch\u00fctterung den sch\u00f6nen Begriff \u201eDis-embedding\u201c, mit anderen Worten das Hinausgeworfen-Werden aus dem gewohnten Bett, aus den w\u00e4rmenden Federn. Und der so Hinausgeworfene, dem ein frischer Wind um die Ohren weht, braucht nun eine Neu-Orientierung, einen neuen Haltepunkt, der wieder W\u00e4rme gibt: Dabei hat er idealiter zwei M\u00f6glichkeiten: Er kann entweder seiner Vergangenheit nachtrauern und sich dabei schmollend und grollend in eine <strong>mentale H\u00f6hle<\/strong> zur\u00fcckziehen, in der er m\u00f6glichst wenig von der bedrohlich wahrgenommenen Umwelt erf\u00e4hrt \u2013 wie PEGIDA-Anh\u00e4nger<a title=\"\" href=\"file:\/\/\/D:\/Rainer\/AWR-VORTRAG_OKTOBER_2015_Verstummter_Dialog.doc#_ftn31\">[31]<\/a> &#8211; ; oder aber er stellt sich mit offenem Gem\u00fct der Ver\u00e4nderung seines Lebens, wird neugierig auf das Neue, Unvertraute, auf die bunte Multi-Kulti-Welt und empf\u00e4ngt die Migranten und Fl\u00fcchtlinge mit mitmenschlicher Sympathie, aus der dann hoffentlich gute Nachbarn in einem bunten, lauten Gemeinschafts-Haus werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Laut Aussagen der Berliner Migrationsforscherin <strong>Naika Foroutan<\/strong> ist etwa ein Drittel der deutschen Bev\u00f6lkerung bereit, Migranten und Kriegsfl\u00fcchtlinge willkommen zu hei\u00dfen (so der Stand im September 2015), w\u00e4hrend ein anderes Drittel sich dagegen wehrt, Fl\u00fcchtlinge aufzunehmen und die sich in ihrer Heimat-H\u00f6hle oder Religions-H\u00f6hle lautstark abschottet. Die gute Nachricht ist, dass bisher noch 30 bis 40% der Deutschen unschl\u00fcssig sind, ob sie \u2013 bildlich gesprochen \u2013 eher dem Solidarit\u00e4ts-Appell von Angela Merkel folgen sollen oder eher angstgetrieben dem CSU-Vorsitzenden Horst Seehofer zustimmen sollen, der die Zuwanderung so rasch wie m\u00f6glich und so hart wie n\u00f6tig beschr\u00e4nken m\u00f6chte<a title=\"\" href=\"file:\/\/\/D:\/Rainer\/AWR-VORTRAG_OKTOBER_2015_Verstummter_Dialog.doc#_ftn32\">[32]<\/a> .<\/p>\n<p>Zu diesem Bild passt auch, dass die offen artikulierte Fremdenfeindlichkeit besonders in solchen sozialen Milieus anzutreffen sind, in denen weniger gut ausgebildete&nbsp; Menschen aufgrund ihrer eigenen prek\u00e4ren Lebenslage, bedroht von Arbeitslosigkeit, Altersarmut, Verschuldung und Teuerung, leben und die deshalb nur begrenzte Zeit, wenn \u00fcberhaupt, Solidarit\u00e4t mit fremden Zuwanderern aufbringen k\u00f6nnen. Es sind die \u201esozial Abgeh\u00e4ngten\u201c \u2013 auch von den Jugendlichen geh\u00f6ren etwa 15 % dazu -, die schwarz f\u00fcr sich und das Land sehen und anf\u00e4llig sind f\u00fcr S\u00fcndenbock-Theorien (so die Schell-Jugend-Studie 2015, nach Hamburger Abendblatt vom 14.10.2015, S. 1). In diesen Milieus sind diejenigen zu vermuten, die Brandfackeln gegen Asylbewerberheime und Fl\u00fcchtlingsunterk\u00fcnfte werfen und nun auch Messerattacken gegen Politikerinnen ersinnen (wie gerade in K\u00f6ln geschehen). Dazu passt, eine beachtliche Mehrheit der Jugendlichen stolz darauf ist, Deutsche zu sein, die positiv in die Zukunft schaut und auch Interesse an politischem Engagement hat<a title=\"\" href=\"file:\/\/\/D:\/Rainer\/AWR-VORTRAG_OKTOBER_2015_Verstummter_Dialog.doc#_ftn33\">[33]<\/a>.<\/p>\n<p>Aber h\u00fcten wir uns vor zu starken Verallgemeinerungen; denn auch bei Schriftstellern, Professoren und anderen Geistesarbeitern ist eine abweisende H\u00f6hlenmentalit\u00e4t (im oben skizzierten Sinne) anzutreffen, bis weit in die b\u00fcrgerliche Mitte hinein. Ich m\u00f6chte dies am Fall des 73-j\u00e4hrigen Schriftstellers <strong>Botho Strau\u00df<\/strong> kurzaufzeigen, der sich als \u201eder letzte Deutsche\u201c titulierte und seiner Bef\u00fcrchtung Ausdruck verlieh, bald als Minderheit in einem von Fremden besetzten Land leben zu m\u00fcssen. Er verstieg sich zu der \u00c4u\u00dferung, \u201elieber in einem aussterbenden Volk zu leben als in einem, das aus vorwiegend \u00f6konomisch-demographischen Spekulationen mit fremden V\u00f6lkern aufgemischt, verj\u00fcngt\u201c w\u00fcrde. Er f\u00fchle sich der Souver\u00e4nit\u00e4t beraubt, dagegen zu sein, d. h. gegen \u201e<strong>die Flutung des Landes mit Fremden<\/strong>\u201c, den ihrer eigenen Kultur jetzt Entfremdeten, gegen die immer herrschs\u00fcchtiger werdenden politisch-moralischen Konformit\u00e4ten\u201c.<a title=\"\" href=\"file:\/\/\/D:\/Rainer\/AWR-VORTRAG_OKTOBER_2015_Verstummter_Dialog.doc#_ftn34\">[34]<\/a> Das grenzt schon an Hass-Sprache.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich thematisiert er auch die kulturelle \u00dcberforderung der Migranten wenn er&nbsp; schreibt: \u201eEs ist, als g\u00e4be man mit jeder libert\u00e4ren Bekundung, jeder Weisung politischer Korrektheit Verhaltensbefehle aus, denen die meisten Einwanderer nur nachkommen k\u00f6nnen, wenn sie sich von ihrem Glauben und Sittengesetz verabschieden und also eine weitere Entwurzelung hinnehmen m\u00fcssen. Die <strong>\u00dcberprofilierung von Freiheit<\/strong>, von Zulassen und Gew\u00e4hren enth\u00e4lt unausgesprochen die Drohung, der Willkommene habe sich s\u00e4kularisiert zu verhalten oder wenig Chancen, ein integrierter B\u00fcrger dieses Landes zu werden\u201c (ebd.).<\/p>\n<p>Den \u00e4ngstlichen H\u00f6hlen-Menschen vom Schlage eines Botho Strau\u00df (und ich vermute angesichts der kippenden Stimmung gegen die Gesinnungsethikerin Angela Merkel, dass er f\u00fcr viele Menschen der schweigenden gesellschaftlichen Mitte spricht) m\u00f6chte ich in Erinnerung rufen, dass das kulturelle Fundament unserer Gesellschaft von seinen Mitgliedern bestimmt und ver\u00e4ndert wird und nicht durch die einmal im Parlament verabschiedete Verfassung mit Ewigkeitswerten festgelegt ist. Noch immer gilt das Goethe-Wort: \u201aWas du ererbt von deinen V\u00e4tern, erwirb es, um es zu besitzen!\u2018; und wenn sich die Zeiten \u00e4ndern, dann m\u00fcssen wir uns erneut auf das uns Wesentliche und das uns Einigende besinnen: denn \u201eder freiheitliche, s\u00e4kularisierte Staat lebt von (kulturellen) Voraussetzungen, die er tats\u00e4chlich nicht garantieren kann\u201c \u2013 wie es im ber\u00fchmten und weisen B\u00f6ckenf\u00f6rde-Paradox hei\u00dft.<\/p>\n<p>Der ehemalige Verfassungsrichter B\u00f6ckenf\u00f6rde erl\u00e4uterte es so: \u201eDas ist das gro\u00dfe Wagnis, das er, um der Freiheit willen, eingegangen ist. Aus freiheitlicher Sicht kann er einerseits nur bestehen, wenn sich die Freiheit, die er seinen B\u00fcrgern gew\u00e4hnt, von innen her, aus der moralischen Substanz des Einzelnen und der\u2026Gesellschaft, reguliert\u201c<a title=\"\" href=\"file:\/\/\/D:\/Rainer\/AWR-VORTRAG_OKTOBER_2015_Verstummter_Dialog.doc#_ftn35\">[35]<\/a><em>.<\/em><\/p>\n<p>Und einige Zeitbeobachter sind der Meinung, dass ein frustrierter, tendenziell fremdenfeindlicher Teil der Zivilgesellschaft dabei ist, aus der \u201eMinimalgemeinsamkeit\u201c, die erst die kulturelle Vielfalt bei uns m\u00f6glich macht, auszuscheiden. Sie verweigert sich dem Dialog mit Andersdenkenden und igelt sich in seiner H\u00f6hle ein. Sind unsere demokratischen Integrationsmechanismen wie Schule, Bundeswehr, Kirchengemeinde, Stammtisch, Fernseh-Sendungen \u2013 bei denen an ihre Grenzen gelangt?<\/p>\n<p>Die Berliner Integrationsforscherin Naika Foroutan (Tochter eines iranischen Vaters und einer deutschen Mutter) ist von der Courage der deutschen Zivilgesellschaft in der Fl\u00fcchtlingsfrage ebenso beeindruckt wie Dr. Navid Kermani, der f\u00fcr seine Vermittlungsarbeit zwischen den Kulturen in diesem Jahr den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt und sich als gl\u00fccklich integrierter Migrant versteht. Frau Foroutan warnt vor der Gefahr einer Radikalisierung eingewanderter Muslime, vor allem bei \u201ejungen M\u00e4nnern ohne Selbstachtung\u201c, die einer Situation der Perspektivlosigkeit anf\u00e4llig f\u00fcr die St\u00e4rkeangebote der Salafisten\u201c seien. Deshalb \u2013 so fordert sie \u2013 br\u00e4uchten wir <strong>ein Leitbild f\u00fcr das neue Deutschland<a title=\"\" href=\"file:\/\/\/D:\/Rainer\/AWR-VORTRAG_OKTOBER_2015_Verstummter_Dialog.doc#_ftn36\"><strong>[36]<\/strong><\/a>.<\/strong><\/p>\n<p>In Einwanderungsl\u00e4ndern wie den USA hat eine Kommission bereits in den Siebzigerjahren nach gesellschaftlichen Umbr\u00fcchen ein solches Bild erarbeitet. In Deutschland sollten nun Parteien, Wissenschaftler, Kirchen, Gewerkschaften, Arbeitgeber und Minderheitenvertreter gemeinsam nach einem Narrativ suchen, das unsere Gesellschaft in die Zukunft tr\u00e4gt. Das sei \u201enicht nur eine leere Formel. Noch bis 2001 hie\u00df es, wir sind kein Einwanderungsland. Als sich dann die \u00dcberzeugung durchgesetzt hat, dass die Bundesrepublik ein Einwanderungsland ist, hat sich auch die Politik ver\u00e4ndert. Wir bekamen ein neues Staatsb\u00fcrgerrecht mit Doppelpass, ein Zuwanderungsgesetz, ein Gesetz zur Anerkennung ausl\u00e4ndischer Abschl\u00fcsse. Es ist also nicht eine Frage der Empirie, sondern des Narrativs, wie wir uns definieren. Nun m\u00fcssen wir uns wieder fragen: Was macht dieses Land aus? Wie wollen wir hier Zusammenleben? Und wo wollen wir hin?\u201c (Ebd.).<\/p>\n<p>Wie k\u00f6nnte das \u201eLeitbild f\u00fcr das neue Deutschland\u201c, das im Jahr 2015 etwa 1 Millionen Fl\u00fcchtlinge und Migranten aufzunehmen sich bem\u00fcht, von denen die Mehrzahl dauerhaft hier bleiben will, aussehen? Naika Foroutan verwies auf Bundespr\u00e4sident Joachim Gauck, der die Einheit der Verschiedenheit beschw\u00f6rt, und erinnerte an das sch\u00f6ne Wort des Frankfurter Philosophen Theodor Adorno, dass er als Jude in Deutschland den Wunsch habe, \u201aohne Angst verschieden sein\u2018 zu d\u00fcrfen (Ebd.).<\/p>\n<p>Mit der einst von Innenminister Sch\u00e4uble eingesetzten Deutschen Islam-Konferenz ist ein erster wichtiger Ansatz zur&nbsp; Kl\u00e4rung strittiger Fragen bez\u00fcglich des Zusammenlebens von Muslimen und Christen und Atheisten in Deutschland gemacht wollen. Dabei tr\u00fcbte unter anderem der innermuslimische Zwiespalt zwischen Islam-Reformern und Reform-Verweigerern die interkonfessionelle Konsensbildung. So etwa erhielt der islamische Theologe <strong>Mouhamad Khorchide<\/strong>, der an der Universit\u00e4t M\u00fcnster Theologen und Islamlehrer f\u00fcr deutsche Schulen ausbildet, Morddrohungen von Salafisten und lebt deshalb unter Polizeischutz; gleichzeitig kritisiert der Publizist \u00e4gyptischer Herkunft Hamed Abdel-Samad seinen Kollegen wegen dessen Naivit\u00e4t, den Islam f\u00fcr reformierbar zu halten. Und schlie\u00dflich haben auch noch die Islamischen Verb\u00e4nde (die wohl weniger als ein Drittel aller Muslime in Deutschland vertreten) Ende 2013 ein Gutachten gegen ihn erstellt und fordern wegen seiner angeblichen Irrlehren seine Absetzung. Aber die Universit\u00e4tsleitung hielt zu Prof. Khorchide, aber der gez\u00e4hmte Dialog zwischen den streitenden Religionsinterpreten geht weiter.<\/p>\n<table cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\" border=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<pre>Zur Leitbild-Frage hat sich auch Bundespr\u00e4sident Joachim Gauck am 3. Oktober 2015 in einer Weise ge\u00e4u\u00dfert, dass er die von ihm begr\u00fc\u00dfte Integration von Fl\u00fcchtlingen und Migranten an Bedingungen kn\u00fcpfte. \u201eWas ist das innere Band, das ein Einwanderungsland zusammenh\u00e4lt? Was ist es, was uns verbindet und verbinden soll?<\/pre>\n<p>In einer offenen Gesellschaft kommt es nicht darauf an, woher jemand stammt, sondern wohin er gehen will, mit welcher politischen Ordnung er sich identifiziert. Gerade weil in Deutschland unterschiedliche Kulturen, Religionen und Lebensstile zu Hause sind, gerade weil Deutschland immer mehr ein Land der Verschiedenheiten wird, braucht es R\u00fcckbindung aller an unumst\u00f6\u00dfliche Werte\u201c<a title=\"\" href=\"file:\/\/\/D:\/Rainer\/AWR-VORTRAG_OKTOBER_2015_Verstummter_Dialog.doc#_ftn38\">[38]<\/a>. Und dann nannte er die folgenden vier:<\/p>\n<ul>\n<li>&nbsp;Hier ist die W\u00fcrde des Menschen unantastbar.<\/li>\n<li>Hier hindern religi\u00f6se Bindungen und Pr\u00e4gungen nicht daran, die Gesetze des s\u00e4kularen Staates zu befolgen.<\/li>\n<li>Hier werden Errungenschaften wie die Gleichberechtigung der Frau oder homosexueller Menschen nicht in Frage gestellt und die unver\u00e4u\u00dferlichen Rechte des Individuums nicht durch Kollektivnormen eingeschr\u00e4nkt &#8230; Toleranz f\u00fcr Intoleranz wird es bei uns nicht geben.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Und au\u00dferdem gibt es in unserem Land politische Grundentscheidungen, die ebenfalls unumst\u00f6\u00dflich sind. Dazu z\u00e4hlt unsere entschiedene Absage gegen jede Form von Antisemitismus und unser Bekenntnis zum Existenzrecht von Israel\u201c (Gauck 2015, S. 3).<\/p>\n<p>Diesem Werte-Katalog werden nicht alle frommen Muslime ohne weiteres zustimmen k\u00f6nnen: Deshalb muss die Frage erlaubt sein, &#8211; Herr Bundespr\u00e4sident \u2013 ob wir erwarten k\u00f6nnen und sollten, dass interkulturelle Integration gelingen kann, wenn wir ohne R\u00fccksicht auf die religi\u00f6sen und kulturellen Empfindlichkeiten der Migranten und Asylbewerber auf der Omnipr\u00e4senz unserer westlichen Werte bestehen? \u2013 auf das, was Botho Strau\u00df die \u201e\u00dcberprofilierung von Freiheit\u201c nannte?<\/p>\n<p>In dieser heiklen Frage ist die \u00d6ffentlichkeit in den Demokratien der westlichen Welt gespalten: Es gibt jene, die meinen, dass beispielsweise das Prinzip der Meinungsfreiheit ohne Einschr\u00e4nkung gelten m\u00fcsse; und es gibt die anderen, die die kontr\u00e4re Ansicht vertreten, dass kulturell-religi\u00f6se Minderheiten in einem Land mit ihnen fremden Mehrheitskultur einen gewissen Anspruch auf Respekt vor ihren Werten und \u00dcberzeugungen haben, &#8211; selbst dann noch, wenn diese selbst intolerante Empfindlichkeiten beinhalten w\u00fcrden<a title=\"\" href=\"file:\/\/\/D:\/Rainer\/AWR-VORTRAG_OKTOBER_2015_Verstummter_Dialog.doc#_ftn39\">[39]<\/a>.<\/p>\n<p>F\u00fcr das Toleranzgebot in der Geschichte des Westens gibt es diverse gute Gr\u00fcnde<a title=\"\" href=\"file:\/\/\/D:\/Rainer\/AWR-VORTRAG_OKTOBER_2015_Verstummter_Dialog.doc#_ftn40\">[40]<\/a>, wobei das Toleranzverst\u00e4ndnis von John Stewart Mill \u2013 dem gro\u00dfen Liberalen des 19. Jahrhunderts &#8211; von besonderer Aktualit\u00e4t ist. Mill wehrte sich gegen die \u201eTyrannei der Mehrheit\u201c, die als politische und gesellschaftliche Tyrannei in Erscheinung trat, weil sie dem Einzelnen vorzuschreiben sich anma\u00dfte, was gut f\u00fcr ihn ist und was er besser lassen sollte. Er definierte das Prinzip, \u201edass der einzige Grund, aus dem die Menschheit\u2026sich in die Handlungsfreiheit eines ihrer Mitglieder einzumengen befugt ist, der ist, sich selber zu sch\u00fctzen. Dass der einzige Zweck, um dessen Willen man gegen den Willen eines Mitglieds einer zivilisierten Gesellschaft rechtm\u00e4\u00dfig Macht aus\u00fcben darf, der ist: die Sch\u00e4digung anderer zu verh\u00fcten\u201c. <strong>Toleranz<\/strong> gegen\u00fcber einer anderen Kultur f\u00e4nde ihre Grenze an deren eigener Intoleranz. Diesem \u201aSchadensprinzip\u2018 gem\u00e4\u00df \u2013 schlussfolgert der Philosoph Rainer Forst &#8211; sei f\u00fcr jede Handlungseinschr\u00e4nkung eine Rechtfertigung gefordert, und allein solche Gr\u00fcnde seien \u201eakzeptabel, die die Sch\u00e4digung anderer zu vermeiden suchen, w\u00e4hrend Gr\u00fcnde, die das Wohl dessen bef\u00f6rdern sollen, dessen Freiheit eingeschr\u00e4nkt wird, als Legitimation von Zwang oder Kontrolle ausscheiden\u201c (Forst 2003, S. 482).<\/p>\n<p>Aktuell geworden ist die Bedeutung des Toleranz-Gebotes im Fall der Mohammed-Karikaturen, die in zun\u00e4chst d\u00e4nischen und sp\u00e4ter dann in den Zeitungen anderer L\u00e4nder wie Frankreich und Deutschland ver\u00f6ffentlicht wurden. Am 7. Januar 2015 erlebte Frankreich den f\u00fcrchterlichen Anschlag auf die Satire-Zeitschrift \u201aCharlie Hebdo, bei dem vier herausragende Karikaturisten und einige Angestellte in Paris durch den Anschlag umgebracht wurden. Nach dem Willen der islamistischen Attent\u00e4ter sollte die mit Blasphemie-Vorw\u00fcrfen \u00fcberh\u00e4ufte Zeitschrift \u201abeerdigt\u2018 werden. Aber eine Solidarit\u00e4tswelle hat das verhindert<a title=\"\" href=\"file:\/\/\/D:\/Rainer\/AWR-VORTRAG_OKTOBER_2015_Verstummter_Dialog.doc#_ftn41\">[41]<\/a> Zun\u00e4chst stand fast die gesamte westliche \u00d6ffentlichkeit vor Emp\u00f6rung \u00fcber diesen brutalen Gewaltakt seitens der fundamentalistisch handelnden Muslime Kopf: Das Button \u201eWir sind Charlie\u201c aus Mitgef\u00fchl mit den ermordeten franz\u00f6sischen Karikaturisten, die ja \u201enur\u201c von ihrem Menschenrecht der freien Meinungs\u00e4u\u00dferung Gebrauch gemacht hatten, war h\u00f6chst popul\u00e4r, spezielle in Frankreich und Deutschland. Aber unter K\u00fcnstlern und Wissenschaften des Westens kamen bald Zweifel an der kompromisslosen Haltung der moralischen \u00dcberlegenheit bei westlichen Gesellschaften auf.<\/p>\n<p>Im Mai dieses Jahres verweigerten erst sechs, dann bald \u00fcber 200 prominente Mitglieder des internationalen PEN-Clubs anl\u00e4sslich eines Preises f\u00fcr die Ehrung von Mut zur Meinungsfreiheit an die ermordeten Mitarbeiter der Satire-Magazins <strong>Charlie Hebdo<\/strong> posthum ihre Unterst\u00fctzung<a title=\"\" href=\"file:\/\/\/D:\/Rainer\/AWR-VORTRAG_OKTOBER_2015_Verstummter_Dialog.doc#_ftn42\">[42]<\/a>. Sie \u2013 PEN-Club-Schriftsteller &#8211; wollten da nicht mitmachen; aber nicht aus Feigheit gab es Bedenken, sowohl bei den Mitgliedern des PEN-Klubs als auch bei der New York Times, die die Mohammed-Karikaturen nicht nachdruckte, sondern \u201eaus der uramerikanischen Tradition des Respekts heraus, die R\u00fccksicht auf kulturelle Unterschiede gebietet und seit je in Spannung zu dem ebenfalls geheiligten Prinzip der Meinungsfreiheit steht. Hier einen Kompromiss zu suchen, bedeutet noch keine gedankliche Schlamperei. Toleranz gegen\u00fcber Andersdenkenden (oder Andersgl\u00e4ubigen) und das Recht auf freie Meinungs\u00e4u\u00dferung entspringen schlie\u00dflich ein und demselben Freiheitsbegriff der Aufkl\u00e4rung\u201c (Jessen, ebd.).<\/p>\n<p>Es versteht sich von selbst, dass m\u00f6rderischer Fanatismus unter keinen Umst\u00e4nden toleriert werden kann. Gleichwohl entspr\u00e4che es aber wohl dem Anliegen der offiziell verk\u00fcndeten deutschen Willkommenskultur<a title=\"\" href=\"file:\/\/\/D:\/Rainer\/AWR-VORTRAG_OKTOBER_2015_Verstummter_Dialog.doc#_ftn43\">[43]<\/a>, dass bei auftretenden kulturellen Differenzen zwischen westlicher Demokratie und islamischen Glaubensbekenntnissen das eigene Toleranzideal nicht voll ausgereizt werden m\u00fcsste, \u201ebis es den intoleranten Kern der fremden Kultur erreicht. Wo aber sollte die Grenze sein? Erst bei offener Blasphemie? Oder schon beim Kopftuch oder der\u2026Unterdr\u00fcckung der Frau?\u201c (Jessen, ebd.).<\/p>\n<p>W\u00fcrde dieser \u201eintolerante Kern der fremden Kultur\u201c erreicht \u2013 sagen wir beispielsweise die westliche Auffassung von der rechtlichen und moralischen Gleichheit der&nbsp; Gl\u00e4ubigen und der UN-Gl\u00e4ubigen oder Atheisten &#8211; , was fromme Muslime als Blasphemie oder Ketzerei zu meiden und zu verurteilen von ihren heimischen Autorit\u00e4ten gelernt haben &#8211; , so muss damit gerechnet werden, dass sich solche derartig befremdlich f\u00fchlenden Minderheiten der aus ihrer Sicht unertr\u00e4glichen <strong>\u201a<\/strong>Tyrannei der Mehrheit<strong>\u2018<\/strong> zu entziehen versuchen werden, zum Beispiel durch heimlichen Auf- und Ausbau einer Parallelgesellschaft oder auch \u2013 was nat\u00fcrlich bestraft werden m\u00fcsste &#8211; im Extremfall durch Aus\u00fcbung von Gewalt gegen \u201eFalsch\u201c-Gl\u00e4ubige. Das prinzipiell Tragische daran ist, dass es sich in einem solchen (nicht unwahrscheinlichen) Fall um moralisch handelnde Menschen drehen w\u00fcrde, die aus pers\u00f6nlicher \u00dcberzeugung handeln und Anstand und Recht auf ihrer Seite w\u00fcssten. Sind wir auf solche Situationen, in denen vielleicht nur \u201eAmbiguit\u00e4ts-Toleranz\u201c weiterhilft<a title=\"\" href=\"file:\/\/\/D:\/Rainer\/AWR-VORTRAG_OKTOBER_2015_Verstummter_Dialog.doc#_ftn44\">[44]<\/a> \u2013 kulturell vorbereitet?<\/p>\n<p>Der Islamwissenschaftler und Arabist Thomas Bauer hat mit seinem Pl\u00e4doyer f\u00fcr Ambiguit\u00e4tstoleranz bei dem Verst\u00e4ndnis und der Begegnung von Kulturen, f\u00fcr das ich auch in dem hier diskutierten Zusammenhang werben m\u00f6chte, darauf hingewiesen, dass sich Kulturen und Epochen in starkem Ma\u00dfe dadurch unterscheiden w\u00fcrden, \u201ewie Menschen Mehrdeutigkeit, Vagheit, Vielfalt und Pluralit\u00e4t empfinden und wie sie damit umgehen. Zu bestimmten Zeiten und an bestimmten Orten versuchen Menschen, alle Ambiguit\u00e4ten so weit wie m\u00f6glich zu vernichten und eine Welt der Eindeutigkeiten und der absoluten Wahrheiten zu schaffen. Anderenorts und zu anderen Zeiten begn\u00fcgen sich die Menschen damit, Ambiguit\u00e4ten zu b\u00e4ndigen. Die unendlichen M\u00f6glichkeiten, die Welt zu verstehen und zu deuten, werden auch hier reduziert. Doch es wird nicht versucht, sie zu eliminieren, sondern lediglich, sie soweit wie m\u00f6glich zu domestizieren, bis man mit ihnen gut leben kann. Die dann noch verbliebende Vielfalt wird nicht beargw\u00f6hnt, sondern dankbar angenommen\u201c (Bauer 2011, S. 13).<\/p>\n<p>Diese Bereitschaft, unterschiedliche Deutungen desselben Ph\u00e4nomens zuzulassen und das Nebeneinander konkurrierender oder sogar gegens\u00e4tzlicher Auffassungen zu akzeptieren, kann nicht ohne weiteres vorausgesetzt werden. Auch diese Kultur der Ambiguit\u00e4tstoleranz zu verinnerlichen und in einer multikulturellen Gesellschaft zu praktizieren, stellt eine \u201aHerkules-Aufgabe\u2018 dar. Wie berechtigt dieser Ansatz ist, hat der Philosoph und Religionskritiker Herbert Schn\u00e4delbach aufgezeigt, der in Erinnerung gerufen hat, dass das christliche Erbe im \u201epost-religi\u00f6sen Zeitalter\u201c des Westens&nbsp; doch sehr spezielle, kulturspezifische Eigent\u00fcmlichkeiten aufweisen w\u00fcrde \u2013 wie z. B. den Marienkult und die Lehre von der Erbs\u00fcnde der Katholischen Kirche oder der christliche Missionsauftrag oder das religionsfreie Verst\u00e4ndnis der Menschenw\u00fcrde und der Menschenrechte<a title=\"\" href=\"file:\/\/\/D:\/Rainer\/AWR-VORTRAG_OKTOBER_2015_Verstummter_Dialog.doc#_ftn45\">[45]<\/a> &#8211; , &#8211; ein Kulturgut also, das in seinen praktischen Konsequenzen f\u00fcr multi-kulturelles Zusammenleben von anders sozialisierten Menschen gar nicht ohne Weiteres verstanden, geschweige denn befolgt werden w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Daraus ergibt sich, im Namen der praktischen Vernunft und eingedenk des oben Gesagten \u00fcber das Recht von Minderheiten auf eine Vorbereitungsphase f\u00fcr kulturelle Anpassung als Schritt zur Integration, folgende Handlungsempfehlung:<\/p>\n<p>Das Recht auf Meinungsfreiheit sollte von dem Aufnahmeland nicht bis an die Grenze der Unzumutbarkeit f\u00fcr anders Sozialisierte in Anspruch genommen werden, auch eingedenk der auch heute noch bestehenden politischen Machtasymmetrie zwischen europ\u00e4ischen Industriestaaten und den Herkunftsl\u00e4ndern der Fl\u00fcchtlinge und Asylbewerber. Letztere stellen ja immer Minderheiten dar, die sich einer fremden Kultur ohnehin wenigstens ein St\u00fcck weit unterwerfen m\u00fcssen. Daher finde es zumutbar und richtig, dass Menschen aus anderen Kulturr\u00e4umen mit einem anderen Wertekodex, die hier als Migranten oder Asylsuchende zu uns kommen, mit den Erwartungen und Werten der Mehrheitsgesellschaft unmissverst\u00e4ndlich und in ihren Muttersprachen vertraut gemacht werden. Gleichzeitig sollte das Gebot der Fairness und des Respekts vor dem Anderen beachtet werden, dass die Mehrheitsgesellschaft in kulturell hoch sensiblen Fragen der Religion ihre Macht nicht dazu einsetzt, die Gef\u00fchle und \u00dcberzeugungen der fremdelnden Minderheit zu missachten oder gar zu verspotten (z. B. durch sehr radikale Karikaturen, \u201edie kaum anders als Beleidigungen von andersgl\u00e4ubigen Minderheiten wahrgenommen werden k\u00f6nnen\u201c, Jessen). Aus Respekt vor der so anderen Sozialisation von Migranten die eigenen Freiheitsrechte mal nicht voll in Anspruch zu nehmen, \u201ebedeutet keineswegs Prinzipienverrat. Die eigenen \u00dcberzeugungen und Freiheitsrechte behalten ihre prinzipielle G\u00fcltigkeit\u201c (Jessen), und sie sind \u2013 das ist auch meine \u00dcberzeugung &#8211; mit dem moralischen Fairness-Gebot vereinbar, weil Anders-Gl\u00e4ubige in einer sozial schw\u00e4cheren Position \u201eeinen erh\u00f6hten Anspruch auf Schonung\u201c haben (Jessen) , m\u00f6gen ihre eigenen religi\u00f6sen Wertvorstellungen selbst auch intolerant erscheinende Zumutungen enthalten. Die evangelische Bisch\u00f6fin Kirsten Fehrs sprach in diesem Zusammenhang von der Aufgabe, sich mit kulturell-religi\u00f6sen Unterschieden \u201ezu befreunden\u201c<a title=\"\" href=\"file:\/\/\/D:\/Rainer\/AWR-VORTRAG_OKTOBER_2015_Verstummter_Dialog.doc#_ftn46\">[46]<\/a>.<\/p>\n<p>Diese Position wird sicherlich nicht von Jeder oder Jedem geteilt und daf\u00fcr habe ich auch Verst\u00e4ndnis, aber vielleicht k\u00f6nnen wir uns auf Folgendes einigen:<\/p>\n<ol>\n<li>Es gilt in Deutschland nicht eine endg\u00fcltig festgelegte deutsche Leitkultur, die allen kulturellen Minderheiten Im Land vorschreiben k\u00f6nnte, was sie zu denken h\u00e4tten; aber es gibt einige unumst\u00f6\u00dfliche Grundrechte. Beim Anspruch auf religi\u00f6se Wahrheit sollten H\u00f6rbereitschaft und Ambiguit\u00e4ts-Toleranz ge\u00fcbt werden: divergierende \u00dcberzeugungen und Normen k\u00f6nnen friedlich nebeneinander Bestand haben, vielleicht nicht immer (Hass-Reden sind nicht zu dulden), aber wohl \u00f6fters als bisher praktiziert.<\/li>\n<li>Religi\u00f6se \u00dcberzeugungen sind Privatsache und jeder kann demgem\u00e4\u00df beten und leben, solange er nicht anderen damit Schaden zuf\u00fcgt; es gilt das Menschenrecht auf Meinungsfreiheit und Religionsfreiheit, wobei in der Praxis eine Pluralit\u00e4t der Lebensformen im Sinne der Ambiguit\u00e4tstoleranz ausgehalten werden muss.<\/li>\n<li>Auch wenn ein Minimum an gemeinsamen Werten erst gemeinsam erarbeitet werden muss, gelten von Anfang an einige verbindliche \u201evern\u00fcnftige\u201c<a title=\"\" href=\"file:\/\/\/D:\/Rainer\/AWR-VORTRAG_OKTOBER_2015_Verstummter_Dialog.doc#_ftn47\">[47]<\/a> Grundregeln des Zusammenlebens, gespeist vom ehrlichen Integrationswillen auf beiden Seiten. Drei Regeln halte ich f\u00fcr unabdingbar: die Gebot der Gewaltlosigkeit, der Verfassungstreue und der Fairness im Umgang mit Schw\u00e4cheren.<\/li>\n<li>Selbst wenn keine rechtlichen Schritte gegen geschmacklose Satiren m\u00f6glich erscheinen, sollte man die Diffamierung von Religionen aus Gr\u00fcnden der Fairness \u201ein engen Grenzen\u201c halten, \u201eum die Integration nicht zu gef\u00e4hrden\u201c \u2013fordert auch der Heidelberger Politologe Klaus von Beyme (Beyme 2015, S. 175-176)<a title=\"\" href=\"file:\/\/\/D:\/Rainer\/AWR-VORTRAG_OKTOBER_2015_Verstummter_Dialog.doc#_ftn48\">[48]<\/a>.<\/li>\n<\/ol>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Meine vier abschlie\u00dfenden Fragen (siehe dazu von Beyme 2015, S. 170f.) sind wirkliche Fragen und werden von mir jetzt nicht beantwortet:<\/p>\n<ol>\n<li>War die sittliche Grenze \u00fcberschritten, als der englische Autor Salma Rushdie in den \u201eSatanischen Versen\u201c die Frauen Mohammeds als Prostituierte verh\u00f6hnte, was ihm eine t\u00f6dliche Fatwa von Ayatollah Khomeini einbrachte?<\/li>\n<li>War die W\u00fcrde des Menschen verletzt, als Papst Benedikt XVI im Jahr 2012 von der Satire-Zeitschrift \u201aTitanic\u2018 als \u201ainkontinent\u2018 und mit F\u00e4kalien beschmiert dargestellt wurde?<\/li>\n<li>Wird die Grenze \u00fcberschritten, wenn in einer d\u00e4nischen Zeitschrift eine Karikatur erscheint, in der der Prophet Mohammed mit einer Bombe im Turban dargestellt wird?<\/li>\n<li>&nbsp;Ist die tolerierbare Grenze \u00fcberschritten, wenn in Video-Botschaften von muslimischen Golf-Staaten Bilder der einst\u00fcrzenden World Towers in New York mit triumphierendem Gestus gezeigt werden?Ich danke f\u00fcr Ihre Aufmerksamkeit.<strong>Weitere Literatur:<\/strong><strong>Abdel-<\/strong>Samad,Hamed, Mein Abschied vom Himmel. Aus dem Leben eines Muslims in Deutschland, M\u00fcnchen 2010 (Knaur)<strong>Ali, <\/strong>Ayaan Hirsi, Reformiert Euch! Warum der Islam sich \u00e4ndern muss, M\u00fcnchen 2015<strong>Al-Jabri<\/strong>, Mohammed Abed, Kritik der arabischen Vernunft. Eine Einf\u00fchrung, 2009<strong>Amirpur<\/strong>, Katajun und Wolfram <strong>Wei\u00dfe (<\/strong>Hrsg.), Religionen, Dialog, Gesellschaft. M\u00fcnster und New York 2015 (Waxmann)\n<p><strong>Armstrong,<\/strong> Karen, Kleine Geschichte des Islam. Berlin 2011 (Berliner TB Verlag).<\/p>\n<p><strong>Bauer<\/strong>, Thomas, Die Kultur der Ambiguit\u00e4t. Eine andere Geschichte des Islams, Berlin 2011 (Verlag der Weltreligionen)<\/p>\n<p><strong>Beyme<\/strong>, Klaus von, Religionsgemeinschaften, Zivilgemeinschaften und Staat. Zum Verh\u00e4ltnis von Politik und Religion in Deutschland, Wiesbaden 2015 (Springer VS)<\/p>\n<p><strong>Borgolte<\/strong>, Michael, Christen, Juden, Muselmanen. \u201eDie Erben der Antike und der Aufstieg des Abendlandes, M\u00fcnchen&nbsp; 2006 (Siedler).<\/p>\n<p><strong>Diner<\/strong>, Dan, Versiegelte Zeit. \u00dcber den Stillstand in der islamischen Welt, Berlin 2006, 3. Auflage (Propyl\u00e4en).<\/li>\n<\/ol>\n<p><strong>Foroutan,<\/strong> Naika, Wir brauchen ein neues Leitbild\u201c, in: Der Spiegel vom 4.10.2015, S. 32.<\/p>\n<p><strong>Heller,<\/strong> Ermute und Hassouna <strong>Mosbashi<\/strong> (Hrsg.), Islam \u2013 Demokratie \u2013 Moderne. Aktuelle Antworten arabischer Denker, M\u00fcnchen 2001, 2. Aufl. (C.H. Beck)<\/p>\n<p><strong>Graf<\/strong>, Friedrich Wilhelm, G\u00f6tter Global. Wie die Welt zum Supermarkt der Religionen wird, M\u00fcnchen 2014 (C.H. Beck)<\/p>\n<p><strong>Hegasy<\/strong>, Sonja, S\u00e4kularisierung des arabischen Denkens, in: Aus Politik und Zeitgeschichte (APUZ). Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament, 24\/2010 vom 14.06.2010, S. 3-8.<\/p>\n<p><strong>Huff<\/strong>, Toby E., The Rise of Early Modern Science. Islam, China, and the West, Cambridge 2003, 2. Edition.<\/p>\n<p><strong>Joas<\/strong>, Hans und<strong> Wiegandt, <\/strong>Klaus (Hrsg.), Die kulturellen Werte Europas, Frankfurt am Main 2005, 2. Auflage (Fischer TB)<\/p>\n<p><strong>Khorchide, <\/strong>Mouhanad,Gott glaubt an den Menschen. Mit dem Islam zu einem neuen Humanismus. Freiburg etc. 2015 (Herder)<\/p>\n<p><strong>Kippenberg, <\/strong>Hans G., Gewalt als Gottesdienst. Religionskriege im Zeitalter der Globalisierung. Bundeszentrale f\u00fcr politische Bildung, Band 757, Bonn 2008.<\/p>\n<p><strong>Khoury,<\/strong> Adel Theodor, Der Islam und die westl. Welt, Darmstadt 2001 (Primus)<\/p>\n<p><strong>Kr\u00e4mer, <\/strong>Gudrun, Geschichte des Islam, M\u00fcnchen 2005 (C.H. Beck)<\/p>\n<p><strong>Marramao<\/strong>, Giacomo, Die S\u00e4kularisierung der westlichen Welt, Frankfurt am Main 1996 (Insel)<\/p>\n<p><strong>Mernissi, <\/strong>Fatema, Die Angst vor der Moderne. Frauen und M\u00e4nner zwischen Islam und Demokratie, Hamburg und Z\u00fcrich 1992 (Luchterhand).<\/p>\n<p><strong>Mitterauer<\/strong>, Michael, Warum Europa? Mittelalterliche Grundlagen eines Sonderwegs. M\u00fcnchen 2004 3. Auflage (Verlag C.H.Beck).<\/p>\n<p><strong>Noth<\/strong>, Albrecht, Der Dschihad: sich m\u00fchen vor Gott, in: G. Rotter (Hrsg.), Die Welten des Islam, Frankfurt am Main 1993, S. 22-32.<\/p>\n<p><strong>Ramadan<\/strong>, Tariq, Die Zukunft liegt im Dialog! \u2013 Neue Herausforderungen f\u00fcr Muslime in Europa, in: Michael M. Thoss und Christina Weiss (Hrsg.), Das Ende der Gewissheiten. Reden \u00fcber Europa, M\u00fcnchen 2009, S. 108-127 (Diederichs).<\/p>\n<p><strong>Rohe<\/strong>, Mathias, Das islamische Recht. Geschichte und Gegenwart, M\u00fcnchen 2009 (Verlag C.H. Beck).<\/p>\n<p><strong>Tetzlaff<\/strong>, Rainer, Europas islamisches Erbe. Orient und Okzident zwischen Kooperation und Konkurrenz. Hamburger Beitr\u00e4ge zur Friedensforschung und Sicherheitspolitik, hrsg. vom ISFH, Hamburg 2005.<\/p>\n<p><strong>Tetzlaff<\/strong>, Rainer, Afrika in der Globalisierungsfalle, Wiesbaden 2008 (VS f\u00fcr Sozialwissenschaften).<\/p>\n<p><strong>Tetzlaff,<\/strong> Rainer, Die kulturelle Dimension der Globalisierung: Kulturen in der Weltgesellschaft, in: Wolfgang Sander und Annette Scheunpflug (Hrsg.), Politische Bildung in der Weltgesellschaft. Bundeszentrale f. pol. Bildung, Bonn 2011, S. 89-110<\/p>\n<p><strong>Tetzlaff<\/strong>, Rainer, Das moderne Afrika verstehen. Widerspr\u00fcchliche Entwicklungsperspektiven eines Kontinents, in: Michael Staack (Hrsg.), Entwicklung, Frieden, Sicherheit: Drei Perspektiven auf Entwicklungen in Afrika, WIFIS aktuell Opladen, Berlin, Toronto 2015, S. 9-40.<\/p>\n<p><strong>Topcu, <\/strong>\u00d6zlem,\u201eIst das unser Islam?\u201c, in: Die Zeit vom 11.09.2014, S. 2.<\/p>\n<p><strong>Wagner,<\/strong> Joachim, Richter ohne Gesetz. Islamische Paralleljustiz gef\u00e4hrdet unseren Rechtsstaat, Berlin 2011 (Econ).<\/p>\n<p><strong>Winkler<\/strong>, Heinrich August, Was hei\u00dft westliche Wertegemeinschaft? In: Die Zeit Nr. 9 vom 22.02.2017, Politik-Essay, S. 12.<\/p>\n<p><strong>Winkler<\/strong>, Heinrich August, Zerrei\u00dfproben. Deutschland, Europa und der Westen. Interventionen 1990-2015, M\u00fcnchen 2015 (C. H. Beck)<\/p>\n<p><strong>Wick<\/strong>, Lukas, Islam und Verfassungsstaat. Theologische Vers\u00f6hnung mit der politischen Moderne?, W\u00fcrzburg 2009 (<\/p>\n<hr width=\"33%\" size=\"1\" align=\"left\">\n<p><a title=\"\" href=\"file:\/\/\/D:\/Rainer\/AWR-VORTRAG_OKTOBER_2015_Verstummter_Dialog.doc#_ftnref1\">[1]<\/a>Bernd Ulrich, Wut ohne Grenzen. Attentate, Hetze, Tabubr\u00fcche: Kann die Politik die Aggression der Stra\u00dfe noch verarbeiten? in: Die Zeit Nr. 43 vom 22.10.2015, S.2; Reinhard M\u00fcller, Angst vor Kontrollverlust, in: FAZ Nr. 244 vom 21.10.2015, S. 1.<\/p>\n<p><a title=\"\" href=\"file:\/\/\/D:\/Rainer\/AWR-VORTRAG_OKTOBER_2015_Verstummter_Dialog.doc#_ftnref2\">[2]<\/a>Laut Bundeskriminalamt hat sich die Zahl der \u00dcbergriffe auf Fl\u00fcchtlingsunterk\u00fcnfte von 69 F\u00e4llen im Jahr 2013 auf 198 F\u00e4lle im Jahr 2014 und auf 576 F\u00e4lle im Jahr 2015 (bis 19.10.2015), darunter 46 Brandstiftungen, gesteigert; Hamburger Abendblatt vom 23.10.2015, S. 3.<\/p>\n<p><a title=\"\" href=\"file:\/\/\/D:\/Rainer\/AWR-VORTRAG_OKTOBER_2015_Verstummter_Dialog.doc#_ftnref3\">[3]<\/a>Nach der 17. Shell-Jugendstudie 2015; Julia Emmrich, \u201eJugend interessiert sich doch f\u00fcr Politik\u201c, in: Hamburger Abendblatt vom 14.10.2015, S. 3. Allgemein siehe Friedrich Wilhelm Graf, G\u00f6tter Global. Wie die Welt zum Supermarkt der Religionen wird, M\u00fcnchen 2014.<\/p>\n<p><a title=\"\" href=\"file:\/\/\/D:\/Rainer\/AWR-VORTRAG_OKTOBER_2015_Verstummter_Dialog.doc#_ftnref4\">[4]<\/a> Mouhanad Khorchide, Gott glaubt an den Menschen. Mit dem Islam zu einem neuen Humanismus. Freiburg etc. 2015 (Herder).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a title=\"\" href=\"file:\/\/\/D:\/Rainer\/AWR-VORTRAG_OKTOBER_2015_Verstummter_Dialog.doc#_ftnref6\">[6]<\/a>Prinz Asfa-Wossen Asserate im Gespr\u00e4ch mit Jochen Hieber, in: \u201eAfrikas Hoffnung verl\u00e4sst den Kontinent\u201c, in: Frankfurter&nbsp; Allgemeine Zeitung Nr. 163 vom 17. Juli 2015, S. 11.<\/p>\n<p><a title=\"\" href=\"file:\/\/\/D:\/Rainer\/AWR-VORTRAG_OKTOBER_2015_Verstummter_Dialog.doc#_ftnref7\">[7]<\/a>Michael Mitterauer \u201eWarum Europa? Mittelalterliche Grundlagen eines Sonderwegs. M\u00fcnchen 2004 3. Auflage (Verlag C.H.Beck).<\/p>\n<p>.<\/p>\n<p><a title=\"\" href=\"file:\/\/\/D:\/Rainer\/AWR-VORTRAG_OKTOBER_2015_Verstummter_Dialog.doc#_ftnref8\">[8]<\/a> Siehe auch Friederike B\u00f6ge, \u201eSie wollen raus aus Afghanistan\u201c, in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung\u201c Nr. 43 vom 25.10.2015, S. 3.<\/p>\n<p><a title=\"\" href=\"file:\/\/\/D:\/Rainer\/AWR-VORTRAG_OKTOBER_2015_Verstummter_Dialog.doc#_ftnref9\">[9]<\/a>Eine recht genaue Chronik der politischen und milit\u00e4rischen Ereignisse in Syrien bietet Der neue Fischer Weltalmanach 2015, Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 2014, S. 441-445.<\/p>\n<p><a title=\"\" href=\"file:\/\/\/D:\/Rainer\/AWR-VORTRAG_OKTOBER_2015_Verstummter_Dialog.doc#_ftnref10\">[10]<\/a>Fred Pearce, Land Grabbing. Der globale Kampf um Grund und Boden, M\u00fcnchen und Boston 2012 (Kunstman). Siehe auch Tetzlaff 2015.<\/p>\n<p><a title=\"\" href=\"file:\/\/\/D:\/Rainer\/AWR-VORTRAG_OKTOBER_2015_Verstummter_Dialog.doc#_ftnref11\">[11]<\/a>Siehe das alarmierend pessimistische Buch \u00fcber Klimawandel und Erderw\u00e4rmung durch Co2-Emissionen vom Cambridge-Professor Stephen Emmot, Zehn Milliarden, London und New York 2013 (Penguin Books).<\/p>\n<p><a title=\"\" href=\"file:\/\/\/D:\/Rainer\/AWR-VORTRAG_OKTOBER_2015_Verstummter_Dialog.doc#_ftnref12\">[12]<\/a>Auch Ex-IWF-Pr\u00e4sident Horst K\u00f6hler meinte auf die Frage, ob die neuen 17 Millenniumsziele Ziele mit 169 Unterpunkten nicht reines Wunschdenken seien: \u201eJa, das ist ehrgeizig, aber ich halte das bei entsprechendem politischen Willen f\u00fcr machbar. Nehmen Sie Hunger: Afrika hat 60% der weltweit ungenutzten landwirtschaftlichen Fl\u00e4chen, wir wissen, wie Produktivit\u00e4t gesteigert werden kann. Wenn wir dann endlich noch die Subventionen f\u00fcr die Agrarproduktion in den reichen L\u00e4ndern signifikant zur\u00fcckf\u00fchren, kann Hunger ausgerottet werden\u201c. Horst K\u00f6hler im Gespr\u00e4ch mit Christiane Grefe und Matthias Nass \u201eSo geht\u2019s nicht weiter\u201c, in: Die Zeit Nr. 39 vom 24.09.2015, S. 11.<\/p>\n<p><a title=\"\" href=\"file:\/\/\/D:\/Rainer\/AWR-VORTRAG_OKTOBER_2015_Verstummter_Dialog.doc#_ftnref13\">[13]<\/a>Mariam Lau schrieb in \u201eDer Zeit\u201c, dass die Islam-Verb\u00e4nde in Deutschland \u201enoch immer im Schmollwinkel\u201c verharrten. \u201eDie Freitagspredigten haben manchmal etwas Routiniertes, schnell Konsumierbares \u2013 da ist wenig Leben drin, wenig Theologie, nichts f\u00fcr junge Leute, die nach Sinn hungern. Eigentlich m\u00fcsste dies also die Stunde des Aiman Mazyek sein. Sein Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD) ist zwar der kleinste der vier wichtigen Verb\u00e4nde, doch die Bezeichnung \u201aZentralrat\u2018 ist eine fromme \u00dcbertreibung. Aber er ist der einzige Verband f\u00fcr Araber\u2026Und jetzt bekommt Mazyek auf einen Schlag Hunderttausende potentieller Neumitglieder\u201c, M. Lau: \u201eDer Gott der anderen. Deutschland wird&nbsp; islamischer werden. Welcher Art von Islam das sein wird, h\u00e4ngt auch von uns ab\u201c, in: Die Zeit Nr. 39 vom 24.09.2015, S. 5. Eine l\u00f6bliche Ausnahme bildet mit Sicherheit die Schura in Hamburg unter ihrem Vorsitzenden Mustafa Yoldas \u2013 der Dachverband aller Muslim-Vereine in Hamburg, von Sunniten und Schiiten. Grundlegend dazu Thomas Bauer 2014.<\/p>\n<p><a title=\"\" href=\"file:\/\/\/D:\/Rainer\/AWR-VORTRAG_OKTOBER_2015_Verstummter_Dialog.doc#_ftnref14\">[14]<\/a> Dazu gibt es wichtige Antworten bei Gudrun Kr\u00e4mer 2005, Matthias Rohe 2009, &nbsp;und Khorchide 2015)<\/p>\n<p><a title=\"\" href=\"file:\/\/\/D:\/Rainer\/AWR-VORTRAG_OKTOBER_2015_Verstummter_Dialog.doc#_ftnref15\">[15]<\/a>J\u00fcrgen Dahlkamp ist da skeptisch: \u201eDie Erbs\u00fcnde. Essay: Europas Asylpolitik ist ein schmutziger Kompromiss. Aber genau das, was wir wollen\u201c., in: Der Spiegel 39\/2014, S. 24-25. Nicht weniger skeptisch ist Prof. Etienne Balibar, franz\u00f6sischer Philosoph: \u201eWas sich in Wirklichkeit gerade in Europa herausbildet, ist eine transnationale Front der Ablehnung von Fl\u00fcchtlingen, in der die offenen rassistischen Gruppen nur die Spitze des Eisbergs darstellen. Zweifellos werden wir nun erstmals etwas erleben, das bislang an Rivalit\u00e4ten und Nationalismen scheiterte: die Entstehung einer gesamteurop\u00e4ischen ausl\u00e4nderfeindlichen \u201aPartei\u2018, die ein weites Spektrum von links bis rechts abdecken und auch die alten \u201apolitischen Familien\u2018 spalten k\u00f6nnte. Wie es scheint, wird das Europa der Solidarit\u00e4t nicht um einen politischen Kampf herumkommen, der mit der kompromisslosen Verurteilung der Gewalt gegen Migranten beginnt und mit den Forderungen nach einer Ver\u00e4nderung der Aufnahmebedingungen weitergeht. Es ist dieser politische Kampf, der die Europ\u00e4ische Union am tiefgreifensten ver\u00e4ndern d\u00fcrfte\u201c. E. Balibar, \u201eStunde der Wahrheit\u201c, in: Die Zeit Nr. 41 vom 8.10.2015, S. 54.<\/p>\n<p><a title=\"\" href=\"file:\/\/\/D:\/Rainer\/AWR-VORTRAG_OKTOBER_2015_Verstummter_Dialog.doc#_ftnref16\">[16]<\/a>Nach einer repr\u00e4sentativenMeinungsumfrage im Oktober 2015 bef\u00fcrworten 56% der Bev\u00f6lkerung eine Obergrenze f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge; eine Mehrheit der B\u00fcrger sei \u00fcberzeugt, dass die Politik jegliche Kontrolle \u00fcber die Einwanderung verloren habe. Bundeskanzlerin Merkel wird Realit\u00e4tsverlust vorgeworfen; Renate K\u00f6hler, Institut f\u00fcr Demoskopie Allensbach, \u201eMehrheit der Deutschen besorgt \u00fcber Folgen der Fl\u00fcchtlingskrise. Angst vor wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Auswirkungen\u201c, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 21.10.2015, S. 1 und S. 8. Das Handelsblatt vom 9.\/10.\/11. Oktober 2015 hatte auf der Titelseite ein Bild von Angela Merkel, Augen gen Himmel gerichtet,&nbsp; mit dem Text: \u201eIn der Welt geachtet, in Deutschland umstritten: Traumt\u00e4nzerin oder Friedensengel?\u201c.<\/p>\n<p><a title=\"\" href=\"file:\/\/\/D:\/Rainer\/AWR-VORTRAG_OKTOBER_2015_Verstummter_Dialog.doc#_ftnref17\">[17]<\/a>Siehe auch das Schwerpunktheft \u201eFlucht und Asyl\u201c, in: \u201eAus Politik und Zeitgeschichte, 65. Jg., 25\/2015 vom 15. Juni 2015 mit Beitr\u00e4gen von Klaus J. Bade, Steffen Angenendt und anderen.<\/p>\n<p><a title=\"\" href=\"file:\/\/\/D:\/Rainer\/AWR-VORTRAG_OKTOBER_2015_Verstummter_Dialog.doc#_ftnref18\">[18]<\/a>\u00d6zlem Topcu: \u201eIst das unser Islam?\u201c, in: Die Zeit vom 11.09.2014, S. 2. Dazu auch Adel Theodor Khoury, Der Islam und die westliche Welt, Darmstadt 2001, Bassam Tibi, Krieg der Zivilisationen. Politik und Religion zwischen Vernunft und Fundamentalismus, M\u00fcnchen 1998.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a title=\"\" href=\"file:\/\/\/D:\/Rainer\/AWR-VORTRAG_OKTOBER_2015_Verstummter_Dialog.doc#_ftnref19\">[19]<\/a>In dem neuen Buch des Historikers Rolf Bergmeier \u00fcber \u201eden verkannten arabischen Beitrag\u201c zur christlich-abendl\u00e4ndischen Kultur kann man dazu viel lernen, oder in den Darstellungen von Tilman Nagel, Fatema Mernissi, Mouhanad Khorchide, Ayaan Hirsi Ali, Tariq Ramadan, Hamed Abdel-Samad und Michael Borgolte: Muslime waren seit Jahrhunderten an der Entstehung Europas beteiligt. Wie verzerrt oft ihre Religion, ihr Rechtssystem und ihre gesellschaftliche Praxis im Westen dargestellt wurde, zeigt Thomas Bauer im Kapitel \u201eDie Islamisierung des Islams\u201c, S. 192-223.<\/p>\n<p><a title=\"\" href=\"file:\/\/\/D:\/Rainer\/AWR-VORTRAG_OKTOBER_2015_Verstummter_Dialog.doc#_ftnref20\">[20]<\/a>Tilman Nagel, Die Islamische Welt bis 1500, M\u00fcnchen 1998, S. 114; Andr\u00e9 Clot, Harun al-Raschid. Kalif von Bagdad, M\u00fcnchen 1990, Karen Armstrong, Kleine Geschichte des Islam, Berlin 2001, S. 74ff.<\/p>\n<p><a title=\"\" href=\"file:\/\/\/D:\/Rainer\/AWR-VORTRAG_OKTOBER_2015_Verstummter_Dialog.doc#_ftnref21\">[21]<\/a> Ludwig Wick, \u201eIslam und Verfassungsstaat. Theologische Vers\u00f6hnung mit der politischen Moderne? W\u00fcrzburg 2009 (Ergon).<\/p>\n<p><a title=\"\" href=\"file:\/\/\/D:\/Rainer\/AWR-VORTRAG_OKTOBER_2015_Verstummter_Dialog.doc#_ftnref22\">[22]<\/a>Weniger gl\u00fccklich verlief die Entwicklung in \u00c4gypten und Syrien, siehe Asiem El Difraoui, Ein neues \u00c4gypten? Reise durch ein Land im Aufruhr, Hamburg 2013 (K\u00f6rber-Stiftung) und Samar Yazbek, Schrei nach Freiheit. Bericht aus dem Inneren der syrischen Revolution. Mit einem Vorwort von Rafik Schami, M\u00fcnchen 2012 (Nagel &amp; Kimche).<\/p>\n<p><a title=\"\" href=\"file:\/\/\/D:\/Rainer\/AWR-VORTRAG_OKTOBER_2015_Verstummter_Dialog.doc#_ftnref23\">[23]<\/a>Nach Hamburger Abendblatt vom 10.\/11. Oktober 2015, S, 5: Nobelpreis f\u00fcr Tunesiens Demokraten\u201c.<\/p>\n<p><a title=\"\" href=\"file:\/\/\/D:\/Rainer\/AWR-VORTRAG_OKTOBER_2015_Verstummter_Dialog.doc#_ftnref24\">[24]<\/a>Siehe den grundlegenden Reader zur dialogischen Theologie Katajun Amirpur und Wolfram Wei\u00dfe (Hrsg.), Religionen. Dialog. Gesellschaft. Analysen zur gegenw\u00e4rtigen Situation und Impulse f\u00fcr eine dialogische Theologie, M\u00fcnster und New York 2015 (Waxmann).<\/p>\n<p><a title=\"\" href=\"file:\/\/\/D:\/Rainer\/AWR-VORTRAG_OKTOBER_2015_Verstummter_Dialog.doc#_ftnref25\">[25]<\/a>H. A. Winkler, \u201eScheitert der Westen an sich selbst? Der Jurist&nbsp; Udo Di Fabrio sieht Europa in einer tiefen Sinnkrise\u201c, in: Die Zeit, Nr. 40, vom 1.10.2015, S. 53.<\/p>\n<p><a title=\"\" href=\"file:\/\/\/D:\/Rainer\/AWR-VORTRAG_OKTOBER_2015_Verstummter_Dialog.doc#_ftnref26\">[26]<\/a>Juden in Deutschland und Frankreich haben Sorgen haben vor der Islamisierung Europas; siehe Michaela Wiegel und Hans-Christian R\u00f6\u00dfler, \u201eFrankreich k\u00e4mpft um seine Juden\u201c, in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung Nr. 43 vom 25.10.2015, S. 6.<\/p>\n<p><a title=\"\" href=\"file:\/\/\/D:\/Rainer\/AWR-VORTRAG_OKTOBER_2015_Verstummter_Dialog.doc#_ftnref27\">[27]<\/a>Bedauerlicherweise hat es bisher im Jahr 2015 nur 190.000 Pl\u00e4tze f\u00fcr Integrationskurse gegeben \u2013 f\u00fcr ca. 1 Million Fl\u00fcchtlinge und Migranten. Auch Asylbewerber m\u00fcssen vier Monate und mehr auf solche Integrationshilfen warten, nach Hamburger Abendblatt vom 23.10.2015, S. 1.<\/p>\n<p><a title=\"\" href=\"file:\/\/\/D:\/Rainer\/AWR-VORTRAG_OKTOBER_2015_Verstummter_Dialog.doc#_ftnref28\">[28]<\/a>Michael Kiefer forscht und lehrt am Institut f\u00fcr Islamische Theologie der Universit\u00e4t Osnabr\u00fcck: Angesichts der von Olivier Roy beschriebenen Lage pl\u00e4diert er f\u00fcr den \u201eDialog als Methode der Radikalisierungspr\u00e4vention\u201c. So lautet auch sein Beitrag in Katajan Amirpur und Wolfram Wei\u00dfe (Hrsg.), Religion. Dialog. Gesellschaft, 2015, S. 83-96. Olivier Roy, Heilige Einfalt. \u00dcber die politischen Gefahren entwurzelter Religionen, M\u00fcnchen 2010 (Siedler).<\/p>\n<p><a title=\"\" href=\"file:\/\/\/D:\/Rainer\/AWR-VORTRAG_OKTOBER_2015_Verstummter_Dialog.doc#_ftnref29\">[29]<\/a> Mit S\u00e4kularit\u00e4t ist die Trennung von Staat und Kirche bzw. Moschee oder von Politik und Glauben gemeint; nicht etwa S\u00e4kularismus im Sinne von Glaubensverlust.<\/p>\n<p><a title=\"\" href=\"file:\/\/\/D:\/Rainer\/AWR-VORTRAG_OKTOBER_2015_Verstummter_Dialog.doc#_ftnref30\">[30]<\/a>Ednan Aslan in einem Gespr\u00e4ch mit Evelyn Finger: \u201eIslam, bitte aufgekl\u00e4rt\u201c, in: Die Zeit, Nr. 40, vom 1.10.2015, S. 62. Aber es gibt auch andere, st\u00e4rker differenzierende Positionen etwa zum Thema muslimische Frauen. Die iranische Richterin Shirin Ebadi, die im Jahr 2003 den Friedensnobelpreis f\u00fcr ihren friedlichen Kampf f\u00fcr Menschenrechte erhielt, schreibt in ihrer Autobiographie:<\/p>\n<p><a title=\"\" href=\"file:\/\/\/D:\/Rainer\/AWR-VORTRAG_OKTOBER_2015_Verstummter_Dialog.doc#_ftnref31\">[31]<\/a>PEGIDA steht f\u00fcr \u201ePatriotische Europ\u00e4er gegen die Islamisierung des Abendlandes\u201c und ist haupts\u00e4chlich in Dresden aktiv. Diese rhetorisch ma\u00dflose Diffamierung des Islams ist kein ganz neues Ph\u00e4nomen; z. B. gab es seit Jahrhunderten \u201edie T\u00fcrkengefahr\u201c. Siehe Almut H\u00f6fert, Den Fein beschreiben. \u201aT\u00fcrkengefahr\u2018 und europ\u00e4isches Wissen \u00fcber das Osmanische reich 1450-1600, Frankfurt am Main 2003 (Campus) und Thomas Kramer, Der Orient-Komplex. Das Nahost-Bild in in Geschichte und Gegenwart, Ostfildern 2009 (Jan Thorbecke Verlag).<\/p>\n<p><a title=\"\" href=\"file:\/\/\/D:\/Rainer\/AWR-VORTRAG_OKTOBER_2015_Verstummter_Dialog.doc#_ftnref32\">[32]<\/a>Naika Foroutan<em>: \u201e<\/em>Wir brauchen ein neues Leitbild\u201c, in: Der Spiegel Nr. 42, vom 4.10.2015<em>, <\/em>S. 32. Siehe auch Norbert Lammert (Hrsg.), Verfassung . Patriotismus . Leitkultur. Was unsere Gesellschaft zusammenh\u00e4lt, Bonn 2006 (Bundeszentrale f\u00fcr politische Bildung). Es beinhaltet die Ansichten von 42 prominenten Autoren aus Politik, Kultur und Wissenschaft im Jahr der deutschen Fussball-Weltmeisterschaft.<\/p>\n<p><a title=\"\" href=\"file:\/\/\/D:\/Rainer\/AWR-VORTRAG_OKTOBER_2015_Verstummter_Dialog.doc#_ftnref33\">[33]<\/a>Der Jugendforscher Klaus Hurrelmann beschrieb ihre Haltung als \u201eunverkrampft\u201c, \u201eexperimentierfreudig\u201c, als \u201eausgeruht, nirgendwo \u00fcberspannt, ein bisschen selbstdistanziert und positiv dem eigenen Land gegen\u00fcber\u201c. \u201e<em>Was treibt sie an? \u201aDas wird die Generation R\u2018\u2018, <\/em>in: Die Zeit Nr. 42 vom 15.10.2015, S. 67.<\/p>\n<p><a title=\"\" href=\"file:\/\/\/D:\/Rainer\/AWR-VORTRAG_OKTOBER_2015_Verstummter_Dialog.doc#_ftnref34\">[34]<\/a>Botho Strau\u00df: \u201eDer letzte Deutsche. Eine Glosse\u201c, in: Der Spiegel Nr. 41\/2015, S. 122-124, hier S. 123.<\/p>\n<p><a title=\"\" href=\"file:\/\/\/D:\/Rainer\/AWR-VORTRAG_OKTOBER_2015_Verstummter_Dialog.doc#_ftnref35\">[35]<\/a> WolfgangB\u00f6ckenf\u00f6rde, zit. nach Mark Siemons, \u201eWoher kommt das Ressentiment? in: Frankfurter Allgemeines Sonntagszeitung Nr. 35 vom 30.08.2015, S. 39.<\/p>\n<p><a title=\"\" href=\"file:\/\/\/D:\/Rainer\/AWR-VORTRAG_OKTOBER_2015_Verstummter_Dialog.doc#_ftnref36\">[36]<\/a>Naika Foroutan, \u201eBrauchen wir ein Leitbild f\u00fcr das neue Deutschland\u201c, in: Der Spiegel Nr. 42 vom Oktober 2015, S. 33.<\/p>\n<p><a title=\"\" href=\"file:\/\/\/D:\/Rainer\/AWR-VORTRAG_OKTOBER_2015_Verstummter_Dialog.doc#_ftnref37\">[37]<\/a>Islam-Konferenz, siehe Internet-Seite: http:\/\/www.deutsche-islam-konferenz.de\/DIK\/DE\/Startseite\/startseite-node.html<\/p>\n<p><a title=\"\" href=\"file:\/\/\/D:\/Rainer\/AWR-VORTRAG_OKTOBER_2015_Verstummter_Dialog.doc#_ftnref38\">[38]<\/a> Bundespr\u00e4sident Joachim Gauck: Ausz\u00fcge aus seiner Rede zum Tag der Deutschen Einheit, in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung Nr. 40 vom 4.10.2015, S. 3.<\/p>\n<p><a title=\"\" href=\"file:\/\/\/D:\/Rainer\/AWR-VORTRAG_OKTOBER_2015_Verstummter_Dialog.doc#_ftnref39\">[39]<\/a>Bundeskanzlerin Merkel hat wie folgt die deutschen Grundwerte definiert: \u201e\u201cUnsere Bundesrepublik hat ein starkes Fundament: das Grundgesetz, die soziale Marktwirtschaft, unsere Zugeh\u00f6rigkeit zur EU, die NATO, die Sicherheit Israels. Diese Grundpfeiler werden uns immer tragen. Und jeder, der zu uns kommt und hier die Freiheit hat, seine Religion auszu\u00fcben und seine Meinung zu sagen, hat diese Grundpfeiler zu akzeptieren. Das werden wir gegen\u00fcber allen, die neu zu uns kommen, durchsetzen\u201c. Angela Merkel \u201eIch werde keine Scheinl\u00f6sungen vorschlagen\u201c, in: FAZ vom 17. 10. 2015, S. 5. Nach meiner Einsch\u00e4tzung k\u00f6nnte es bei Fl\u00fcchtlingen aus Nahost-L\u00e4ndern vor allem bez\u00fcglich der Sicherheitspolitik Israels einen Dissens geben. Pal\u00e4stinenser und Araber einerseits und Zionisten, Juden und manche Westeurop\u00e4er und US-Amerikaner andererseits haben kontr\u00e4re Ansichten \u00fcber die Ursachen von Gewalt im Nahen Osten und \u00fcber die Auswege aus der explosiven Situation in Israel und den Pal\u00e4stinensergebieten. Es ist politisch ratsam und ethisch geboten, von allen Beteiligten eine H\u00f6rbereitschaft f\u00fcr alle Narrative zu entwickeln und einzufordern. Siehe dazu Robert I. Rotberg (Ed.), Israel and Palestinian Narratives of Conflict. History\u2019s Double Helix, Bloomington 2006 (Indiana University Press).<\/p>\n<p><a title=\"\" href=\"file:\/\/\/D:\/Rainer\/AWR-VORTRAG_OKTOBER_2015_Verstummter_Dialog.doc#_ftnref40\">[40]<\/a> Siehe dazu Rainer Forst, Toleranz im Konflikt. Geschichte, Gehalt und Gegenwart eines umstrittenen Begriffs, Frankfurt am Main 2003 (Suhrkamp TB).<\/p>\n<p><a title=\"\" href=\"file:\/\/\/D:\/Rainer\/AWR-VORTRAG_OKTOBER_2015_Verstummter_Dialog.doc#_ftnref41\">[41]<\/a>Klaus von Beyme, Religionsgemeinschaften, Zivilgesellschaft und Staat. Zum Verh\u00e4ltnis von Politik und Religion in Deutschland, Wiesbaden 2015 (Springer VS), S. 171).<\/p>\n<p><a title=\"\" href=\"file:\/\/\/D:\/Rainer\/AWR-VORTRAG_OKTOBER_2015_Verstummter_Dialog.doc#_ftnref42\">[42]<\/a>Jens Jessen, \u201eIn den Sackgassen der Toleranz. Sind Mohammed-Karikaturen imperialistisch?&#8230;\u201c, in, Die Zeit Nr. 19 vom 7. Mai 2015, S. 47.<\/p>\n<p><a title=\"\" href=\"file:\/\/\/D:\/Rainer\/AWR-VORTRAG_OKTOBER_2015_Verstummter_Dialog.doc#_ftnref43\">[43]<\/a>Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte in dem Gespr\u00e4ch mit der FAZ vom 17.10.2015 \u00fcber die Fl\u00fcchtlingskrise \u201e<em>Ich werde keine Scheinl\u00f6sungen vorschlagen<\/em>\u201c und dann die Schlussfolgerungen gezogen, dass wir erstens die europ\u00e4ischen Au\u00dfengrenzen wirksam sch\u00fctzen, zweitens innerhalb der EU eine faire Verteilung der Fl\u00fcchtlinge erreichen und drittens die Fluchtursachen angehen m\u00fcssen\u201c (FAZ Nr. 241 vom 17.10.2015, S. 5). Die Erreichung aller drei Ziele ist noch in weiter Ferne und kaum vorstellbar, weil konkrete Pl\u00e4ne und Zusagen der Partner fehlen.<\/p>\n<p><a title=\"\" href=\"file:\/\/\/D:\/Rainer\/AWR-VORTRAG_OKTOBER_2015_Verstummter_Dialog.doc#_ftnref44\">[44]<\/a>Thomas Bauer, Die Kultur der Ambiguit\u00e4t. Eine andere Geschichte des Islams,&nbsp; Berlin 2011 (Verlag der Weltreligionen im Insel Verlag)<\/p>\n<p><a title=\"\" href=\"file:\/\/\/D:\/Rainer\/AWR-VORTRAG_OKTOBER_2015_Verstummter_Dialog.doc#_ftnref45\">[45]<\/a>Herbert Schn\u00e4delbach, Religion in der modernen Welt. Vortr\u00e4ge, Abhandlungen, Streitschriften, Frankfurt am Main 2009 (Fischer TB). Er selbst wirbt f\u00fcr den Grundsatz, Religion unter das Kuratel der Vernunft zu stellen und Vernunft und Glaube als komplement\u00e4re Lernprozesse zu verstehen (S. 149).<\/p>\n<p><a title=\"\" href=\"file:\/\/\/D:\/Rainer\/AWR-VORTRAG_OKTOBER_2015_Verstummter_Dialog.doc#_ftnref46\">[46]<\/a>Kirsten Fehrs in der Podiumsdiskussion mit B\u00fcrgermeister Olaf Scholz und anderen am 22.10.2015 anl\u00e4sslich der Veranstaltung der Akademie der Weltreligionen, Universit\u00e4t Hamburg,&nbsp; \u201eReligi\u00f6ser Pluralismus und S\u00e4kularit\u00e4t\u201c.<\/p>\n<p><a title=\"\" href=\"file:\/\/\/D:\/Rainer\/AWR-VORTRAG_OKTOBER_2015_Verstummter_Dialog.doc#_ftnref47\">[47]<\/a>Mir ist bewusst, dass die Frage, was hier \u201evern\u00fcnftig\u201c genannt werden k\u00f6nnte, von hoher Komplexit\u00e4t ist. Als anregende Lekt\u00fcre dazu ist zu empfehlen: J\u00fcrgen Habermas und Joseph Ratzinger, Dialektik der S\u00e4kularisierung. \u00dcber Vernunft und Religion\u201c,&nbsp; Freiburg, Basel, Wien 2011, 8. Auflage (Herder)<\/p>\n<p><a title=\"\" href=\"file:\/\/\/D:\/Rainer\/AWR-VORTRAG_OKTOBER_2015_Verstummter_Dialog.doc#_ftnref48\">[48]<\/a>Klaus von Beyme hat sich auch mit rechtlichen Aspekten von Blasphemie und Selbstzensur sowie mit weiteren religionspolitischen Konflikten kritisch und kenntnisreich auseinandergesetzt, in: Religionsgemeinschaften, a. a. O., 2015, S. 149ff.<\/p>\n<p class=\"stand\">Stand vom Sonntag, 25. Oktober 2015<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/form>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dass sich Deutschland durch den j\u00e4hrlichen Zuzug von Tausenden von Menschen anderer L\u00e4nder, anderer Religionen, anderer Kulturen st\u00e4ndig ver\u00e4ndert, ist ein Vorgang, der im historischen Kontext der Globalisierung zur europ\u00e4ischen Normalit\u00e4t geworden ist. Die Integration dieser Immigranten und Fl\u00fcchtlinge wird zurecht als \u201aJahrhundertaufgabe\u2018 begriffen, aber sie erzeugt bei den einen Wut, blinde Wut und macht [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":159,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_et_pb_use_builder":"","_et_pb_old_content":"","_et_gb_content_width":"","footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-9","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.rainertetzlaff.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.rainertetzlaff.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.rainertetzlaff.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.rainertetzlaff.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.rainertetzlaff.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=9"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.rainertetzlaff.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":420,"href":"https:\/\/www.rainertetzlaff.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9\/revisions\/420"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.rainertetzlaff.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media\/159"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.rainertetzlaff.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=9"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.rainertetzlaff.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=9"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.rainertetzlaff.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=9"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}