{"id":37,"date":"2015-06-26T12:28:01","date_gmt":"2015-06-26T10:28:01","guid":{"rendered":"http:\/\/wp.rainertetzlaff.de\/wP\/?p=37"},"modified":"2020-06-28T13:40:22","modified_gmt":"2020-06-28T11:40:22","slug":"daadab-die-globale-metapher-fuer-katastrophe-und-aufbruch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.rainertetzlaff.de\/index.php\/2015\/06\/26\/daadab-die-globale-metapher-fuer-katastrophe-und-aufbruch\/","title":{"rendered":"Daadab  \u2013 die globale Metapher f\u00fcr Katastrophe und Aufbruch"},"content":{"rendered":"<p>Wir h\u00f6ren und sehen es t\u00e4glich: Millionen von Afrikanern hungern am Horn von Afrika (in Somalia, Kenia, \u00c4thiopien, Sudan) und viele Tausende sind bereits an den Folgen der schlimmsten D\u00fcrre seit 60 Jahren gestorben. Seit zwei Wochen berichten die Medien weltweit von dieser Katastrophe \u2013 oftmals einf\u00fchlsam, mit starken aufr\u00fcttelnden Worten, berechtigte Schuldzuweisungen adressierend, in stiller Wut und eingestandener Ohnmacht. Die humane Katastrophe \u2013 obwohl nicht \u00fcberraschend vom Himmel gefallen &#8211; \u00fcbersteigt in ihrer aufkl\u00e4rungsbed\u00fcrftigen Kolossalit\u00e4t unser Fassungsverm\u00f6gen. Sie ist prim\u00e4r von Menschen in einer global vernetzten Welt verursacht, aber gestorben wird lokal.<\/p>\n<p>Gott sei Dank gibt es nationale und internationale Organisationen wie das Fl\u00fcchtlingswerk der UNO, \u00c4rzte ohne Grenzen, die Welthungerhilfe, Oxfam sowie die vielen humanit\u00e4ren Organisationen aus dem Orient und Okzident, die hier dringend ben\u00f6tigte Nothilfe leisten. Sie brauchen Geld, viel Geld, denn bis zur n\u00e4chsten ergiebigen Ernte kann es noch Jahre dauern. Auch Deutschland beteiligt sich am Spendenaufkommen, wenn auch eher z\u00f6gerlich und schwerh\u00e4ndig. Der Konsens w\u00e4chst, dass jetzt Menschen, f\u00fcr die das \u00dcberleben in karger Umwelt zur banalen Selbstverst\u00e4ndlichkeit geh\u00f6rt, geholfen werden muss, um eine existentielle Grenzsituation extremer Art zu \u00fcberstehen. Wer jemals erlebt hat, mit welcher Entschlossenheit und W\u00fcrde Frauen in extremer Not ihre B\u00fcndel packen, ihr J\u00fcngstes schultern und sich dann auf den unendlich langen Weg zu einem fernen internationalen Hilfslager machen, der wei\u00df, wie schwer es ihnen f\u00e4llt, ihre Heimat zu verlassen und sich der unsicheren F\u00fcrsorge und dem Mitleid Anderer auszuliefern. Migration ist ein Akt der ultima ratio starker Charaktere.<\/p>\n<p>Man kommt nicht umhin, nach den Ursachen und den Verursachern dieser Katastrophe zu fragen. Das verlangen unser Hirn, unser Herz, unsere Anteilnahme, und wer zu geben bereit ist, m\u00f6chte wissen wof\u00fcr. M\u00fcssen Menschen zu Tausenden verhungern in einer Welt, die erstmals gro\u00dfe Erfolge in der Armutsbek\u00e4mpfung aufzuweisen hat? Viele Millionen von Menschen in China, Indien, Vietnam, in Chile und Brasilien sowie in den asiatischen Tigerstaaten konnten in den vergangenen Jahrzehnten schon aus dem Teufelskreis der Armut herauswachsen \u2013 dank neuer Chancen der Globalisierung. Warum k\u00f6nnen dann in Teilen Afrikas immer wieder so dramatische Hungerkatastrophen entstehen, offenbar politisch ungebremst? Hat der Schweizer Soziologe Jean Ziegler recht, wenn er anklagt: \u201aEin Kind, das am Hunger stirbt, wird ermordet\u2018, was hei\u00dft, dass der Tod h\u00e4tte verhindert werden k\u00f6nnen?<\/p>\n<p>Was die Ursachen der Katastrophe angeht, so handelt es sich um eine wechselseitige Verst\u00e4rkung sehr unterschiedlicher Faktoren. Zweifelsohne hat die im industrialisierten Norden verursachte Klimaver\u00e4nderung negative Auswirkungen auf Zeitpunkt und Menge der Niederschl\u00e4ge und Trockenheit in Afrika, die es den Bauern und Hirten erschweren, Getreide zu ernten und Vieh zu ern\u00e4hren. Ebenso ist nicht zu bestreiten, dass neben diesen globalen Wirkfaktoren auch nationale politische Umst\u00e4nde krisenverst\u00e4rkend wirken. Der Jahrzehnte andauernde B\u00fcrgerkrieg in Somalia, angefacht durch islamistische Krieger und unf\u00e4hige Politiker, hat jeglichen Gedanken an entwicklungspolitisch sinnvolle Krisenpr\u00e4vention vereitelt. Nicht einmal der normale Landwirtschaftsbetrieb konnte aufrecht erhalten \u2013 der Religions- und Machtwahn der Milizen verhinderte das.<\/p>\n<p>Versagt haben drittens auch die prosperierenden Staaten mit ihren bornierten Eigeninteressen, die verhindert haben (darunter China und andere L\u00e4nder der Dritten Welt), rechtzeitig globale Klimaabkommen zu schlie\u00dfen, die es den Entwicklungsl\u00e4ndern erm\u00f6glicht h\u00e4tten, sich rechtzeitig auf den Klimawandel mittels kostenintensiver Forschungsprogramme vorzubereiten. Und viertens kann auch der leider berechtigte Standardvorwurf an die Regierungen der Europ\u00e4ischen Union nicht unber\u00fccksicht bleiben, dass die ruin\u00f6se Subventions- und Exportf\u00f6rderungspolitik der Europ\u00e4er (und der USA) im Agrarbereich vielen Bauern, Hirten und Fischern in Afrika die Existenz gekostet hat. Erst in j\u00fcngster Zeit sind hier Br\u00fcsseler Initiativen erkennbar, dass dieser skandal\u00f6se Egoismus der Reichen auf Kosten der Schw\u00e4cheren, die k\u00fcnstlich wettbewerbsschwach gehalten werden, schrittweise abgebaut wird.<\/p>\n<p>Ist die Lage der Klima- und Kriegsfl\u00fcchtlinge in den \u00fcberquellenden Lagern von Dadaab also hoffnungslos? Sind wir zur politischen Ohnmacht jenseits der internationalen Solidaraktionen verdammt? Keineswegs! Den international t\u00e4tigen Hilfsorganisationen ist heute l\u00e4ngst bewusst, dass es erg\u00e4nzend zur augenblicklichen Katastrophenhilfe f\u00fcr vom Hungertod bedrohte Menschen umfassende Strukturreformen geben m\u00fcsste, die das \u00dcberleben der Klima-, Kriegs- und Wirtschaftsfl\u00fcchtlinge nachhaltig durch produktive Eigenarbeit sicherstellen k\u00f6nnten. Diese Erkenntnis hat zwei politische Adressaten: die \u201eglobal players\u201c zum einen, die nationalen Regierungen in den Krisenregionen zum anderen. Wenn die These stimmt, dass Globalisierung im Sinne von \u00dcberwindung einengender Grenzen den Reichtum in der Welt enorm bef\u00f6rdert hat, dann ist es nur recht und billig, von den Nutznie\u00dfern dieses globalen Netzwerkes zu verlangen, wenigstens alles zu unterlassen (Z\u00e4hmung des \u201eRaubtierkapitalismus\u201c im Agrar- und Handelsbereich), was die \u00dcberlebens- und Entwicklungschancen in den Randzonen dieser Weltgesellschaft wie dem Horn von Afrika schw\u00e4cht. Dazu geh\u00f6rt auch das unselige \u201aland-grabbing\u2018 &#8211; eine neue Plage f\u00fcr Afrikas Bauern: devisenhungrige Regierungen verkaufen oder verpachten Agrarland an Ausl\u00e4nder (darunter Araber, Chinesen, westliche Agro-Multis). Gleichzeitig ist darauf hinzuwirken, dass die gegenw\u00e4rtige Krise der Ern\u00e4hrung in Ostafrika auch als Chance genutzt werden sollte, von den betroffenen Regierungen zu fordern, dass sie die Eigentumsrechte ihrer Bauern an Grund und Boden st\u00e4rken. Das Land muss dem geh\u00f6ren, der es bewirtschaftet, sonst fehlen Anreize zur Verbesserung der Bodenqualit\u00e4t. Nur in der staatlicherseits zu f\u00f6rdernden Produktivit\u00e4tssteigerung der einheimischen Landwirtschaft durch die Vielzahl kreativer Familienbetriebe \u2013 bei gleichzeitiger R\u00fcckf\u00fchrung des global wirksamen Handelsprotektionismus der Industriel\u00e4nder &#8211; liegt die M\u00f6glichkeit, dass Afrika in Zukunft weniger anf\u00e4llig wird f\u00fcr existentiell bedrohliche Krisen. Risikoanf\u00e4lligen Gesellschaften mit unserem wissenschaftlichen Know-how dabei zu helfen, geeignete Anpassungsstrategien an Klimaver\u00e4nderungen zu entwickeln, k\u00f6nnte f\u00fcr internationale Entwicklungszusammenarbeit zur neuen Herausforderung werden, die der solidarischen Unterst\u00fctzung wert w\u00e4re.<\/p>\n<p>Der Autor ist als \u201eProfessor of African and Development Studies\u201c an der Jacobs University Bremen t\u00e4tig und ist Mitglied des Vergabegremiums von B\u00fcndnis Entwicklung Hilft (BEH).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir h\u00f6ren und sehen es t\u00e4glich: Millionen von Afrikanern hungern am Horn von Afrika (in Somalia, Kenia, \u00c4thiopien, Sudan) und viele Tausende sind bereits an den Folgen der schlimmsten D\u00fcrre seit 60 Jahren gestorben. 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