Verändern eingewanderte Muslime Deutschland und Europa?

Eine Frage der kulturellen Identität – Über kulturelle Missverständnisse und ihre Überwindung

Eine unter der Wucht der großen Zahl von Zuwanderern veränderte sich das politische Klima in der deutschen Gesellschaft. Während die einen eher gesinnungsethische Argumente vortragen und auf die christliche Tugend der Barmherzigkeit verweisen, – auf einen humanitären Imperativ – , verteidigen sich die anderen mit eher verantwortungsethischen Appellen und betonen die Grenzen der Zumutbarkeit der Belastung als Folge der Berliner Politik der „Willkommens-Kultur“. Während die einen mit der Aktivierung fremdenfeindlicher Ressentiments gegenüber Muslimen, bis hin zu widerlicher Hetze gegen Migranten, reagierten, neigten andere eher zu einer Verharmlosung der Folgen und Kosten einer Politik der offenen Tür – der Merkel‘schen Willkommenskultur (Spahn 2016; Reschke 2016). Schwer wiegt dabei das so genannte Samariter-Dilemma: Je mehr wir eine großzügige Willkommenskultur praktizieren, desto höher sind die Anreize für Migranten, sich auf den riskanten Weg in das gelobte Land zu machen. Das gilt gleichermaßen für Asylsuchende, Kriegsflüchtlinge und Armutsmigranten, wobei die Abgrenzung zwischen den Gruppen ohnehin fließend ist. Hinzu kommt, dass „die Attraktivität eines Landes speziell für Niedrigqualifizierte umso höher ist, je höher die Sozialleistungen sind“ (Osterloh/Frey 2016).

In breiten Kreisen der Bevölkerung wächst der Eindruck, dass die politische Klasse in Berlin keinen Plan zur Bewältigung der Jahrhundertaufgabe besitzen würde. Der triumphale Wahlergebnis national-konservativen Protestpartei Alternative für Deutschland (AFD) am 13. März 2016, die als zentrale Wahlempfehlung ‚Stoppt Merkels Flüchtlingspolitik‘ hatte, belegt die große Unzufriedenheit vieler Bürger. Sie sei gleichzeitig auch Ausdruck einer erheblichen Islamfeindlichkeit der AFD als auch in Teilen der Bevölkerung“ – kommentierte der Politologe Hajo Funke (in Hamburger Abendblatt vom 14.03.2016, S. 3).

In Deutschland leben zurzeit etwa 5 Millionen Muslime – Tendenz steigend. Die meisten sind türkischer und arabischer Herkunft. Viele von ihnen haben die deutsche Staatsangehörigkeit. Etwa zwanzig Prozent der in Deutschland lebenden Muslime sind in Islam-Verbänden organisiert, die beanspruchen, bei der vom Innenministerium organisierten „Deutschen Islam Konferenz“ „die Muslime“ zu vertreten. Sie bilden die Minderheit der „Traditionalisten“ (1. Gruppe), die meist in den Moscheevereinen zuhause sind:  Der Verfassungsschutz schätzte im Jahr 2013 die Anhänger und Mitglieder radikaler islamischer Gruppierungen (2. Gruppe) auf etwa 43.200, davon 5.500 Anhänger salafistischer Bestrebungen. Somit machen Letztere nur etwa 1% der in Deutschland lebenden Muslime aus (Klussmann 2016: 12). Die Grundhaltung der Mehrheit der in Deutschland lebenden Muslime ist nach Einschätzung von Matthias Rohe, Jurist und Islam-Wissenschaftler, die von „Alltagspragmatikern“ (3. Gruppe): Sie sind Menschen, die sich in die Rahmenbedingungen des demokratischen Rechtsstaates problemlos ohne irgendwelche theoretischen Reflexionen eingefügt haben“ (Rohe 2009: 384). Davon zu unterscheiden seien die kleine Gruppe von „Islamgegnern“ und „Ex-Muslimen“ (4. Gruppe), die eine Säkularisierung des Lebens befürworten, und die Gruppe der „Islamisten“ (5. Gruppe), die grundsätzlich die westliche Gesellschaftsordnung ablehnen und die „Grundsätze des islamischen Rechts zur Anwendung“ bringen möchten, wenn Muslime einmal die Mehrheit haben werden (Rohe 2009: 384). Als 5. Gruppe lassen sich die reform-orientierten einheimischen Muslime unterscheiden – manchmal nennen sie sich „die neuen Deutschen“, weil sie sich zur neuen Heimat zugehörig fühlen (Botha/Pham/Topcu 2014). Sie akzeptieren das Grundgesetz und die herrschende Rechtsordnung und verstehen die Gesellschaft, in der sie leben, als ihre eigene. Sie berufen sich auf die altehrwürdige Einrichtung des „Idschtihad“, d. h. der Aufforderung, die Rechtsquellen des Islam „eigenständig und nach den räumlichen und zeitlichen Umständen“ zu interpretieren und weiter zu entwickeln (Rohe 2009: 389). Begriffe wie Ehre, Gewalt, Toleranz und Gerechtigkeit können und sollten kontextbezogen – d. h. heute im Spiegel der Moderne – neu gedacht werden (Klußmann/Murtaza/Rohne/Wardak 2016; Amirpur 2013).

Seitdem „der Islam“ in Form der eingewanderten Muslime aus der Türkei und anderen muslimisch geprägten Ländern in Europa sichtbar und ein realer Bestandteil des öffentlichen und zeitgenössischen Raums in Ländern der EU geworden ist, gibt es eine öffentliche Debatte über kulturelle Differenzen und deren Kompatibilität mit westlicher säkularer Demokratie. Vor allem der Salafismus erregt die Gemüter (Buschkowsky 2016, Abu Rumman 2015) – abgesehen von den Dschihadisten (Kepel 2002; Hirsi 200 Die in Paris lehrende türkisch-stämmige Soziologie-Professorin Nilüfer Göle spricht von der Herausforderung für immigrierte Muslime, sich der „Anverwandlung“ an die Spielregeln der europäischen Kultur zu stellen (Göle 2008), während es für die europäischen Gesellschaften zum „demokratischen Test“ ihrer Institutionen käme. Dieser könnte nur bestanden werden, wenn sie die Kapazitäten entwickeln würden, mit Hilfe derer „Menschen von unterschiedlicher Herkunft, mit unterschiedlichen Glaubensvorstellungen und Meinungen sich näher kommen können und sich mit den jeweiligen Differenzen des Anderen vertraut machen können“ (Göle 2011: 169). Das dürfte – angesichts der großen Zahl neuer Muslime – eine schwierige Aufgabe darstellen, weil viele Europäer gerne in rassistische Ressentiments zurückfallen und Fremde oft – begründet oder nicht – als „Konkurrenten“ oder als unberechtigte Mitbewerber um öffentliche Güter wahrnehmen.

Wer sind die ressentiment-geladenen ausländerfeindlichen AfD-Wähler?

Dazu gehören mit Sicherheit einige von den fünf Millionen Bürgern aus der Mittelschicht, die in den vergangenen Jahren sozial abgestiegen sind. Manche brauchten und suchten ein Ventil für blindwütige Aggression, nach dem verschwörungstheoretischen Angriffsmuster: ‚Man nimmt mir was weg! Ich war zuerst da! „ (Irene Jung 2016; Malte Henk 2016). Bestätigung findet dieser Eindruck von der kürzlich veröffentlichte Deutschland-Studie des Wissenschaftszentrums Berlin, die zu dem Ergebnis kommt, dass neue gesellschaftliche Trennungslinien entstanden seien, und zwar nicht mehr zwischen links und rechts, sondern zwischen Gewinnern und Verlierern der Globalisierung, zwischen jenen, die sich von der Öffnung unserer Gesellschaft bedroht fühlen, und solchen, die sie als Gewinn empfinden“ (Allmendinger 2016: S. 15). Auch Professor Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung in Berlin, beklagt die zunehmende soziale Ungleichheit in Deutschland, was Löhne und Vermögen angeht: 40% der Einwohner könnten praktisch keine monetären Rücklagen bilden; „wer unten ist, bleibt unten“; die soziale Marktwirtschaft sei durch eine neue neo-feudale Klassengesellschaft abgelöst worden: „Die mangelnde Chancengleichheit ist der Schlüssel zu allem“, und nötige politische Reformen seien nicht in Sicht; denn „die politische Realität“ sei leider, „dass erst reformiert“ würde, „wenn es einem richtig schlecht geht“ (Fratzscher 2016). Ins gleiche Horn stoßen Wissenschaftler vom Hamburger Institut für Sozialforschung, die mit dem Begriff der „sozialen Exklusion“ einen Perspektivwechsel in der Armuts- und Gewaltforschung herbeiführten: Menschen, die keine Chancen sehen, sich aus ihren Schulden und ihrer Misere herauszuarbeiten, stellten ein hohes Potential an sozialer Frustration dar. In diesem sozialen Kontext sind auch die mehr als 1000 Straftaten zu sehen, die seit 2015 gegen Flüchtlings- und Asylbewerber-Heime begangen wurden. Hier kommt eine rasant wachsende Fremdenfeindlichkeit mit einer offen zur Schau gestellten Demokratieverachtung zusammen.

Aber damit ist längst nicht das ganze Spektrum der neuen Rechten erfasst: Menschen mit höherer Bildung wie Botho Strauß, Theodor Sarrazin oder ex-CDU-Politiker Gauland gehören auch zu den neuen Konservativen als Teil der „Neuen Rechten“, die es als „Gefahr für die Demokratie“ schon seit Jahrzehnten gibt (Gessenharter/Pfeiffer 2004). Unter dem Titel „Aufstand der Ängstlichen“ gab „Der Spiegel“ im Dezember 2015 folgende Einschätzung: „Die neue rechte Szene kommt aus der bürgerlichen Mitte der Gesellschaft; sie umfasst wertkonservative Intellektuelle, fromme Christen und Wutbürger und zieht auch Menschen an, die sich sonst als Linke bezeichnen würden, etwa Putin-Bewunderer, Globalisierungsgegner und radikale Pazifisten. Es wächst zusammen, was lange nicht zusammengehörte. Gemeinsam bilden sie eine lautstarke Protestbewegung, die mit Straßendemonstrationen und einem digitalen Stimmungsfeldzug im Internet das Klima im Lande radikalisiert“ (Der Spiegel: „Aufstand der Ängstlichen“, 2015, S. 19).

Dazu gehört auch Thilo Sarrazin (SPD-Finanzsenator in Berlin und bis 2010 Mitglied des Vorstands der Deutschen Bundesbank) und Autor des berühmt-berüchtigten Buches: „Deutschland schafft sich ab“. Noch im März 2016 sorgte er sich über die große Zahl von 1,1 Millionen registrierten Migranten, die erst 440.000 Asylanträge hätten stellen können. „Bei 70 bis 80 Prozent der Eingereisten handelt es sich um junge Männer im Alter von 15 bis 30 Jahren. Die schiere Dimension dieser 800.000 jungen Männer wird daran deutlich, dass es in derselben Altersgruppe nur fünf Millionen deutsche Männer gibt. Aus diesen 1,1 Millionen Eingereisten wären ohne die Änderungen der Regeln für den Familiennachzug [Zwangspause von 2 Jahren für Syrer] etwa fünf Millionen gekommen“ (Sarrazin 2016: 7). Der bekannte Dramatiker Botho Strauß verlieh in einer „Glosse“ im „Spiegel“ seiner Befürchtung Ausdruck, bald als „letzter Deutscher“, als Minderheit in einem von Fremden besetzten Land leben zu müssen: Er wolle „lieber in einem aussterbenden Volk leben als in einem, das aus vorwiegend ökonomisch-demographischen Spekulationen mit fremden Völkern aufgemischt, verjüngt“ würde. Er fühle sich der Souveränität beraubt, dagegen zu sein, d. h. gegen „die Flutung des Landes mit Fremden“, den ihrer eigenen Kultur jetzt Entfremdeten, gegen die immer herrschsüchtiger werdenden politisch-moralischen Konformitäten (Strauss 2015: S. 123).

Der Literaturwissenschaftler Rüdiger Safranski fragte empört: Hatte Bundeskanzlerin Merkel ein „demokratisches Mandat, ein Land so zu verändern, wie das der Fall ist, wenn binnen kurzem Abermillionen islamische Einwanderer im Land sind“? Da möchte er doch wenigstens vorher gefragt werden (Safranski 2015). Der streitlustige Philosoph Peter Sloterdijk kritisierte im Kultur-Magazin Cicero, dass sich die deutsche Regierung „in einem Akt des Souveränitätsverzichts der Überrollung“ [durch Fremde] hingegeben hätte. Aber er hoffte, dass sich „der territoriale Imperativ“ durchsetzen werde; denn es gäbe „schließlich keine moralische Pflicht zur Selbstzerstörung“ (Kissler 2016: 141). Andere machen das Argument geltend, dass die Solidarität in einer Gesellschaft mit hohem Einwandereranteil rapide abnähme; denn das Wunder des Nationalstaats bestehe darin, dass er eine gemeinsame Identität schafft und Solidarität ermöglichen würde (Paul Collier 2016). Zuviel Einwanderung [in zu kurzer Zeit] gefährde dieses Arrangement. Der französische Romanautor Michel Houellebecq – Autor des viel diskutierten Romans „Unterwerfung“ (in dem die französische Bildungselite vor den anti-liberalen Prinzipien der Muslime aus Angst vor dem Vorwurf der Islamophobie kapituliert) – schürt die bestehende Angst vieler Franzosen vor der Islamisierung des Abendlandes und prognostiziert die Ablösung des Zeitalters der Aufklärung durch das Zeitalter der Religionen: „Das republikanische Modell mit seinem Freiheits- und Gleichheitsideal zerbricht“. Die Attentate der Islamisten in Paris vom 07.01.2015 hätten die Franzosen deshalb so aufgeschreckt, weil sie erkannten, dass die Gefahr im Innern lauern würde: „Das Problem ist nicht mehr die Immigration, sondern die gescheiterte Integration. Der Fremde ist einer von uns, ein Eingeborener“ (Spiegel 10/2015, S. 130). Die Attentate in Paris vom 13.11.2015, die „gegen die zentralen heiligen Werte des Westens (Genuss, Konsum, Individualismus, Freiheit)“ gerichtet waren (Eva Illouz am 17.11. 2015: S. 51) durch die 37 mehrheitlich junge fröhlich feiernde Menschen starben, bestätigte Houellebecqs finstere Diagnose und bezeugen „den Hass auf den Westen, der bei manchen muslimischen Jugendlichen der zweiten und dritten Generation herrscht“ (Illouz 2015).

Der liberale patriotische Politologe Arnulf Baring fragte irritiert: „Da die Zuwanderer tendenziell als Deutsche betrachtet werden, ist völlig unklar, was denn heutzutage und in Zukunft ein Deutscher sein soll. Nach meinem Verständnis wäre es selbstverständlich, dass die Zuwanderer mit ihrer Integration sich nicht nur unsere Sprache, sondern auch die Gesamtheit unserer traditionellen und aktuellen Lebensgewohnheiten zu Eigen machen. Nur dann werden sie sich im Laufe der Zeit als Deutsche, als Landleute empfinden können“. Das ist – so fürchte ich – eine politische Illusion, weil sie allen Erkenntnissen der Migrationsforschung zuwider läuft. Die Epoche, wo Flüchtlinge so schnell wie möglich ihre eigene Identität loswerden und gegen die der Einwanderungsgesellschaft für immer eintauschen wollten, ist selbst in den USA längst zu Ende gegangen.

An den politischen Rändern der CDU ist nun – als Reaktion auf die Angst vor Fremden und islamistischer Terrorgefahr – ein Umdenken in Gang gekommen: So hat der junge CDU-Politiker Jens Spahn zu Beginn des Jahres nach der Kölner Silvesternacht zu Protokoll gegeben: „Wir waren lange blauäugig. Wir haben ernsthaft geglaubt, dass es ohne Konflikte geht, wenn die wohlhabende EU umgeben ist von sehr jungen, sehr viel ärmeren Gesellschaften. Sie können nicht beides haben: einen ausgeprägten Sozialstaat und unbegrenzte Zuwanderung. Im Augenblick erleben wir, dass sich eine ganze Menge Lebenslügen unter Schmerzen auflösen…Jeder weiß, dass Integration nur gelingen kann, wenn es nicht zu viele in zu kurzer Zeit sind. Ökonomisch können wir sicher noch manches leisten. Aber politisch und kulturell wird es dieses Land zerreißen, wenn es nicht in den nächsten Monaten gelingt, die Zahl an Flüchtlingen und Migranten deutlich zu reduzieren…Wir dürfen den alten Fehler nicht wiederholen, die zu den bekannten Parallelgesellschaften geführt haben…Es kommen zunehmend Nordafrikaner, die wir eigentlich an der EU-Außengrenze abweisen sollten“ (Spahn 2016)..

Mit einer Lagebeurteilung von Joschka Fischer, dem früheren grünen Außenminister, möchte ich diese Einleitung abschließen: „Es gibt eine große Verunsicherung in vielen westlichen Gesellschaften. Die EU wird abgelehnt, der Nationalstaat kommt wieder. Identitätsfragen spielen überall eine große Rolle (Zeit). Das ist der Kern. Die Identitätspolitik kehrt zurück, und die Demokraten schweigen…Aber diese Identitätsdebatte muss aufgenommen werden, da führt kein Weg daran vorbei“. Und auch bei den Migranten spielt kulturell-religiöse Identität eine zentrale Rolle, was hierzulange gerne verdrängt wird. Der in Algerien geborene Schriftsteller Kamel Daoud hat die zutreffende Beobachtung gemacht, dass viele Migranten nicht verstanden hätten, dass es beim Asyl  nicht darum ginge, „Papiere zu erhalten, sondern den Gesellschaftsvertrag mit der Moderne zu akzeptieren“ (Daoud 2016).

Die AfD ist mit ihrer Islamophobie in Europa nicht isoliert: Die ungarische Regierung unter Premier Victor Orban vertritt schon seit Monaten den Standpunkt, dass sie keine muslimischen Flüchtlinge ins Land lassen werde, und alle vier Visegrad-Länder sind sich darin einig, Merkels Versuch einer „europäischen Lösung“ – die faire Umverteilung der aus der Türkei aufgenommenen Migranten auf alle EU-Staaten – nicht mittragen zu wollen. Der Präsident Tschechiens, Milos Zeman lieferte die Erklärung dafür: „Die islamischen Flüchtlinge bringen die Scharia in unser Land. Das heißt, untreue Frauen werden gesteinigt. Dieben wird die Hand abgehackt, und unsere schönen Mädchen müssen die Burka tragen“ (in „Spiegel 5.3.2016). Es klingt, als stünden die Heere des Sultans von Istanbul vor Wien erneut (wie 1529 und 1683) und bedrohten das christliche Abendland. Das Jahrhunderte-alte Ressentiment der „Türkenfurcht“ scheint in Ost- und Mittel-Europa immer noch latent vorhanden zu sein. Dabei gibt es einen kleinen Unterschied: Es ist richtig, dass Muslime seit dem 8. Jahrhundert immer wieder versucht haben, nach Zentraleuropa gewaltsam vorzudringen, aber seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts haben europäische Regierungen und Unternehmen Muslime (aus der Türkei) als Arbeitskräfte angeworben, und diese haben sich nun als friedliche und arbeitsame Bürger auf den grünen Weiden Europas niedergelassen, die aufzubauen sie mitgeholfen haben. Dass große Teile der dritten Generation der eingewanderten Türken heute nicht glücklich geworden sind und die deutsche Mehrheitskultur ablehnen oder gar verachten, ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass die Integrationspolitik partiell missglückt ist.

Islamophobie ist in ganz Europa im Steigen begriffen, was natürlich mit den Terrorangriffen im Namen Allahs vom 9. November 2001 in New York, später in London, Paris, Rom und Brüssel zusammenhängt. Während laut Umfragen im März 2016 etwa 60-70% der deutschen Bevölkerung der Meinung waren, Deutschland hätte schon mehr als genug Flüchtlinge aufgenommen, folgen mehr als 80 Prozent der im Deutschen Bundestag vertretenen Parlamentarier offiziell (wenn auch zähneknirschend oder mit dem Messer in der Tasche) der Politik der Offenen Grenzen der Bundeskanzlerin. Eine in der Verfassung vorgesehene Möglichkeit ihrer Abwahl ist daher blockiert – Folge der Großen Koalition aus CDU/CSU und SPD, die sich kollektiv einer Entfremdung von dem Wählervolk schuldig machte, weil sie sprachlos und planlos an einer politischen Utopie festzuhalten schien, für die Berlin im Nachhinein von anderen Solidarität einfordert.

Wie ist das alles zu erklären? Eine mögliche Antwort fand ich in Berlin – sie kam aber nicht aus dem Bundeskanzleramt, sondern von der Humboldt-Universität. Da las ich jüngst im neuen Buch des Politologen Herfried Münkler „Macht in der  Mitte. Die neuen Aufgaben Deutschlands in Europa“,

dass es Deutschland obläge, „Europa zusammen zu halten, den immer wieder neu auftretenden Zentrifugalkräften entgegenzuwirken, Interessendivergenzen abzubauen und Ausgleichsprozesse zu moderieren. Das ist eine Aufgabe, die von der Politik Weitsicht und Fingerspitzengefühl, mitunter auch Entschlossenheit, in der Regel aber große Geduld und Gelassenheit abverlangt. In der Politik werden immer wieder Fehler gemacht, aber die Macht in der Mitte ist der Akteur, der sich das am wenigsten leisten kann. Das ist eines der definitorischen Merkmale dessen, was hier Macht in der Mitte bezeichnet wird: eine im Vergleich zu allen anderen Akteuren des politischen Raumes reduzierte Fehlertoleranz“. (Münkler 2015: 8-9).

Kann man Europa wirklich nur mit „großer Geduld und Gelassenheit“ steuern? Selbst EU-Präsident Martin Schulz ist jetzt der Meinung, dass sich die Europäische Union angesichts der Uneinigkeit in der Flüchtlingsfrage in einem Prozess der allmählichen Zerbröselung befände: die Staaten driften auseinander. Die Europäische Union war nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs als „Europa der Vertragsgemeinschaft“, als eine historisch singuläre Interessen- und Wertegemeinschaft, gegründet worden, die eine „ever closer union“ zum Ziel hatte. Die Furien des Nationalismus sollten ein für alle Mal im Käfig des Rechts und der geschickt verschränkten Institutionen gebannt werden – das größte diplomatische Friedensprojekt Europas seit dem Westfälischen Frieden und dem Wiener Kongress. Es muss damit gerechnet werden, dass das kühne supra-nationale Europa-Projekt von Jean Monnet und Robert Schuman, von Konrad Adenauer, Willy Brandt und Helmut Kohl nun der alten Konzeption des Europas der Vaterländer weichen wird, so wie es Charles de Gaulle, Margret Thatcher und jetzt wieder Britanniens Premier David Cameron favorisierten.

Das würde bedeuten, dass Europa zum dritten Mal bei einer großen historischen Herausforderung nach Ende des 2. Weltkriegs versagt hätte: Das erste Mal war 1991, als Jugoslawien auseinanderfiel und Frankreich, England und Deutschland sich nicht auf ein gemeinsames militärisches Vorgehen gegen den serbischen Diktator Milosevic einigen konnten; das zweite Mal war 2003, als die US-Regierung die Europäer zum Angriffskrieg gegen den Irak einlud, Deutschland und Frankreich und andere sich verweigerten mitzumachen, aber zehn abweichende EU-Länder einen später so genannten Brief der Schande an die Regierung von George W. Bush schrieben und ihre militärische Beteiligung zusagten. Und nun – beim dritten Mal – steht die deutsche Bundeskanzlerin ziemlich allein da. Die Strategie der Mittelmacht Deutschland – geduldig Überzeugungsarbeit im Interesse der deutschen Vorstellungen zu leisten und dadurch die Rolle der europäischen Führungsmacht wahrzunehmen – als „ehrliche Maklerin“ – scheint nicht ganz aufzugehen. Das markige Kanzler-Wort „Wir schaffen das“ – womit auch die Europäische Union ohne vorherige Konsultation in Haftung genommen wurde – signalisierte einen ungewohnt deutlichen Führungsanspruch, der weder durch einen mit allen Partnern abgestimmten Umsetzungs-Plan noch durch vorbildliche Taten gerechtfertigt wurde. Ex-Außenminister Joschka Fischer kommentierte schon 2014: „Das seit zweieinhalb Jahrzehnten wiedervereinigte Europa ist aufgrund seiner wirtschaftlichen Stärke in der Wirtschafts- und Finanzkrise unwillentlich erneut zum europäischen Hegemon aufgestiegen, damit hat Europa wieder ein deutsches Problem“. Seit der Euro-Krise hätte sich „die Regierung Merkel für eine nationale Krisenlösung und gegen einen gemeinsamen europäischen Ansatz“ entschieden (Fischer 2014: 158- 159). Möglicherweise besteht das Führungs-Problem darin, dass die Regierung in Berlin als „Halbhegemon“ (Kundnani 2016) zwar stark genug war, in der Euro-Krise und in der Griechenland-Krise den schwächeren EU-Mitgliedsstaaten seine Regeln aufzuzwingen, nicht aber seine Normen aufzunötigen. Angela Merkels unerklärte Norm der Solidarität mit Flüchtlingen („offene Grenzen“ im Namen christlicher Barmherzigkeit) fand bei der Mehrheit der 28 EU-Mitgliedssaaten keine Akzeptanz (Sarrazin 2016): „In der Euro-Krise wollten die verschuldeten Länder im Süden Europas, dass Deutschland ‚Solidarität‘ zeige. Nun jedoch, da hunderttausende Flüchtlinge den Weg nach Deutschland suchen, sind es die Deutschen, die die ‚Solidarität‘ anderer Mitgliedsstaaten einfordern, dergestalt, dass sie einen ‚gerechten Anteil‘ an Asylsuchenden aufnehmen“ (Hans Kundnani am 07.03.2016)..

Diese Befürchtung vertritt bekanntlich auch die CSU-Führung. So hatte der deutsche Minister für Entwicklungszusammenarbeit Gerd Müller allen Grund zu dem bissigen Kommentar: „Mir fehlt bei der EU-Kommission und dem Präsidenten der Durchsetzungswille. Der Schutz der Außengrenzen funktioniert nicht, Schengen ist kollabiert. Eine faire Flüchtlingsverteilung findet nicht statt. Europa braucht endlich einen Flüchtlingskommissar mit entsprechender Administration, der die Beschlüsse umsetzt. Papier hilft den Menschen nicht, wir brauchen Taten.“ (Müller 2016).

Wie also können wir die Jahrhundert-Aufgabe lösen, die man vielleicht so formulieren könnte: ‚Was können wir tun, was müssen wir tun, um den Millionen von Asylsuchenden und Flüchtlingen in Not zu helfen, die an unsere Tür klopfen, ohne unsere Gesellschaft damit zu überfordern, ohne das Wertegerüst, den Kitt unserer Gesellschaft – unsere kulturelle Identität, was immer das sein mag – aufs Spiel zu setzen?‘ Sie lässt sich mit Blick auf Europa, das das populärer artikulierte Bedürfnis nach nationaler Souveränität mit dem Festhalten an der universellen Gültigkeit der Menschenrechte in Einklang bringen muss (Mark Siemons in FAZ vom 20.3.2016: 44), auch so definieren: ‚Wie könnte ein Europa aussehen, das weder seine alten noch seine neuen Bewohner zu ‚Aliens‘ macht?‘. Es ist bekannt, dass das völkerrechtlich verankerte Recht auf Asyl die staatliche Hoheitsgewalt einschränkt – was in der Nachkriegsära auch politisch gewollt war, weil man mit begrenzten Zahlen von europäischen Kriegsflüchtlingen rechnete – aber haben Gesetze Anspruch auf Ewigkeitsgültigkeit, auch dann, wenn sich die globalen Rahmenbedingungen von Migration radikal geändert haben? (Cremer 2016).

Im Folgenden soll der kulturelle Aspekt als ein wichtiger Schlüssel zum Verständnis von Flüchtlings- und Migrationspolitik stets mitbedacht werden. Es gibt Kritiker, die meinen, dass man über kulturelle Werte als Handlungsmotive von Menschen nicht sprechen könne, weil sie so schwer exakt zu bestimmen seien – man könne ja auch keinen Pudding an die Decke nageln! Solche Wissenschaftler beschränken sich dann auf die Ergründung der wirtschaftlichen Interessen und materiellen Lebensverhältnisse von Menschen. Das ist legitim, aber man sollte dabei nicht übersehen, dass der Mensch mehr ist als ein rationales Wesen, das sich nur von materiellen Nutzenkalkülen leiten ließe. In den Sozialwissenschaften hat sich mit der Max-Weber-Renaissance ein „cultural turn“ vollzogen, der auf der Einsicht beruht, dass ohne die Einbeziehung der inneren seelischen Triebkräfte und der unbewusst wirkenden kulturellen Präferenzen ein tieferes Verstehen menschlicher Aktionen erfolglos bleiben müsste. Somit können wir darauf bauen, dass Kultur ein System von Wertfeldern darstellt, welches Handlungsspielräume absteckt und Aktionen empfiehlt, die als sinnvoll erlebt werden. Daraus wird ein kultureller Habitus. Und so sollten wir uns auch bewusst sein, dass Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan oder Eritrea ihre spezielle kulturell-religiöse Prägung beim Grenzübertritt in Bayern nicht einfach ablegen. Das gilt auch für die Iraner, die nach den Revolutionswirren von 1979 nach Deutschland kamen und inzwischen zur deutschen Bildungs- und Leistungsträger-Elite gehören – seien sie nun Muslime oder Nicht-Muslime. Sie nennen sich zuweilen stolz „die neuen Deutschen“. Religion ist hier Privatsache (Siehe Botha/Topcu/Pham 2014).

III. Zur Kultur in Deutschland gehört das Paradox, dass wir mit 16 Millionen Einwohnern, die einen Migrationshintergrund haben, ein Einwanderungsland sind, und das seit 400 Jahren, dazu ein relativ erfolgreiches, aber unsere politische Klasse verbal am Gegenteil festhielt – bis vor kurzem. Mit der an der gesellschaftlichen Basis entstandenen Willkommenskultur – getragen von einer respektwürdigen Zivilgesellschaft, die das Engagement von vielen Freiwilligen, von Sozialverbänden, Ärzte ohne Grenzen, Kaufleuten, Bundeswehr-Soldaten, Moscheegemeinschaften etc. –  hat die deutsche Bevölkerung auf eindrückliche Weise eine Lebenslüge der deutschen Politik zu Grabe getragen: „Deutschland ist kein Einwanderungsland“ . Diese Formel wurde noch im Jahr 1982 im Koalitionsvertrag von CDU/CSU und FDP niedergelegt, wobei „alle humanitär vertretbaren Maßnahmen“ zu ergreifen seien, „um den Zuzug von Ausländern zu unterbinden“. Noch zwanzig Jahre später wiederholte der grüne, später sozialdemokratische Innenminister Otto Schily „Das Boot ist voll“

Die deutsche Einwanderungspolitik begann spätestens im 17. Jahrhundert, als nach dem Dreißigjährigen Krieg die Landesherren bemüht waren, die stark entvölkerten Gebiete zu attraktiven Zielen für Siedlungswanderer zu machen. Einwanderer und religiöse Minderheiten wie Hugenotten, Katholiken und Muslime erlebten in Preußen während der gesamten Regierungszeit Friedrichs des Großen ein damals ungewöhnliches Maß an Toleranz. Als der König gefragt wurde, ob ein Katholik Bürger einer preußischen Stadt werden dürfe (!), schrieb er 1740 in einem Brief:

„Alle Religionen sind gleich und gut, wenn nur die Leute, die sie ausüben, ehrliche Leute sind; und wenn Türken und Heiden kämen und wollten das Land bevölkern, so wollen wir ihnen Moscheen und Kirchen bauen.“ Gestützt auf ein königliches Dekret wurde 1739 die erste islamische Gemeinschaft in Deutschland gegründet. „Jeder solle nach seiner Fasson selig werden“. (vgl. Jochen Oltmer 2015).

Das deutsche Kaiserreich hat vor dem ersten Weltkrieg weitere 1,2 Millionen Arbeitskräfte aus dem Ausland aufgenommen, wobei Polen und Italiener, die in Landwirtschaft und Industrie Beschäftigung fanden, die wichtigsten Gruppen waren – alles weitere Beispiele gelungener Integration! Seit 1949 sind weitere 4,5 Millionen Menschen aus Osteuropa nach Deutschland gekommen, darunter neben den Deutsch-Russen auch ca. 20.000 Ungarn. Zusätzlich sind Im Jahr 1991 noch 20.000 Juden aus der sich auflösenden Sowjetunion nach Deutschland gekommen. In all diesen Fällen haben beide Seiten wirtschaftlich profitiert – sowohl die Einwanderungsgesellschaft als auch die Migranten. (Es gibt aber eine Ausnahme von dieser Regel: ein beachtlicher Teil der dritten Generation der eingewanderten Türken, die, obwohl hier geboren, oft nur kümmerlich deutsch sprechen und wenig Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben, und in einer Parallelgesellschaft leben; Buschkowski, Mansur, Kelek).

Die Zahl der bei uns lebenden Juden ist erfreulicherweise wieder auf 100.000 im Jahr 2014 gestiegen. Wie verbreitet antisemitische Ressentiments tatsächlich sind, ist schwer festzustellen; denn hier spielen verschiedene Motive zusammen oder überlagern sich:  „Verdrängung historischer Schuld, obsessive Israelkritik wegen der völkerrechtswidrigen Siedlungspolitik auf der Westbank, Überreste der verrückten NS-Rassenlehre, muslimischer Antisemitismus, und christlicher Antijudaismus. Die islamistischen Terroranschläge in Paris und anderswo in Europa 2014 und 2015 verstärkten bei Jüdinnen und Juden auch in Deutschland „das Gefühl, vom islamistischen Terrorismus direkt bedroht zu sein“, sagte Stephan Kramer, Chef des Verfassungsschutzes in Thüringen. „Die meisten Flüchtlinge seien aus Staaten geflohen, in denen Antisemitismus zur Staatsdoktrin gehört. Gleichwohl wäre es vorschnell und falsch, daraus abzuleiten, dass die Flüchtlinge per Definition eine Bedrohung oder für das Anwachsen des Antisemitismus verantwortlich sind. Wir haben schon reichlich eigene Antisemiten im Land, die nicht weniger aktiv sind“.

Um Kosten und Nutzen von Flüchtlingen gibt es stets heftige Debatten. Etwa zehn Prozent der syrischen Flüchtlinge sind Akademiker, die relativ einfach in den Arbeitsmarkt integriert werden können. Da höchstens ein Drittel der in Deutschland angekommenen 1,2-Millionen Flüchtlinge des Jahres 2015 eine Berufsausbildung haben, muss mit einem starken Anstieg der Arbeitslosenzahlen gerechnet werden (BAMF-Chef Frank-Jürgen Weise, in: HA vom 17.3.2016). Der Bildungsökonom Ludger Wößmann gab zu Bedenken, dass in Deutschland der Anteil der Geringqualifizierten bei 14% läge, und trotz hervorragender Konjunktur und der vorhandenen Deutsch-Kenntnisse sei jeder Fünfte von ihnen arbeitslos. Laut Handelskammer München und Oberbayern hätten 70 Prozent der Azubis aus Syrien, Afghanistan und dem Irak, die vor zwei Jahren eine Lehre begonnen hätten, diese bereits wieder abgebrochen, was öfters an den hohen Anforderungen in Mathematik gelegen hätte (Wößmann 2015). Nach Einschätzung des DGB-Chefs Reiner Hoffmann dauert eine Ausbildungs- und Einwanderungsphase sieben bis zehn Jahre. Am Ende würden von einer Million arbeitsfähiger Flüchtlinge etwa 400.000 eine qualifizierte Stelle haben können (Reiner Hoffmann 22.02.2016).

  1. Nach diesem Ausflug in die deutsche Geschichte der Einwanderungskultur zurück zur Gegenwart, zur Frage: „Wir schaffen das!“ – bzw. zur Nachfrage: „Was“ schaffen wir? Wer ist „wir“? und „wie schaffen wir „das“? Kann Deutschland, kann die Europäische Union die Flüchtlingskrise ohne Einführung einer „Obergrenze“ oder einer sonstwie bezeichneten Begrenzung der Zahl von Zuwanderern meistern?

Zuerst einmal sollten wir nicht vergessen, dass die EU seit Jahrzehnten eine stille Obergrenze für Kriegsflüchtlinge aus den ehemaligen Kolonien hat; sie liegt bei Null. Den Millionen von Kriegsflüchtlingen aus Afrika etwa wird stillschweigend jeder Zutritt zur EU verwehrt. Sie erhalten ja kein Visum, um einen solchen Antrag auch nur stellen zu können. So verschließen die Regierungen der EU-Staaten ihre Augen vor dem Genozid im sudanesischen Darfur  oder – im Jahr 1994 – vor dem Genozid in Ruanda. Etwa eine Millionen Flüchtlinge und Migranten sind auf dem Weg durch die Sahara umgekommen, Zehntausende sind im Mittelmeer ertrunken, weil sie keine legale Möglichkeit hatten, europäischen Boden zu betreten. Europäer nur ca. 7% der Weltbevölkerung ausmachen, aber ca. 20% des globalen Einkommens erwirtschaften. Unser Nachbarkontinent Afrika hingegen umfasst 12% der Weltbevölkerung, erwirtschaftet aber nur 1 bis 2% des Welteinkommens. Das interkontinentale Wohlstandsgefälle ist also enorm, was wiederum darin seinen Ausdruck findet, dass zehn von 20 Kriegen, die 2015 weltweit geführt wurden, in afrikanischen Ländern stattfinden, die viele Millionen von Kriegsflüchtlingen entstehen ließen. Was den Nahen Osten betrifft, so zählt das Heidelberger Institut für Internationale Konfliktforschung (HIIK) neun Kriege in der Region, drei mehr als im Vorjahr (Syrien, Irak, Jemen, Afghanistan, Israel-Palästina, Pakistan). Der Löwenanteil der weltweiten Flüchtlinge, Asylsuchenden und Binnenvertriebenen von insgesamt 60 Millionen (im Jahr 2014) entfällt auf diese 18 Krisenländer. Erst wenn man diejenigen Millionen von Menschen hinzuzählt, die flüchten und emigrieren wollten, wenn sie nur könnten, wird die ganze Dramatik einer globalisierten Welt, die aus den Fugen geraten ist, deutlich. Seit 1991 – dem Zusammenbruch der Sowjetunion – ist – nach einer Formulierung von Feuilleton-Chef der „Zeit“ Jens Jessen – das westliche Wirtschaftssystem zu einem entfesselten Kapitalismus mutiert, dessen „Fegefeuer“ von vielen als Bedrohung angesehen würde: „Abstiegsängste reichen bis weit in die Mittelschicht. Doch obwohl manche Reformen sinnvoll erscheinen, lässt der Erfolg auf sich warten. Die Gewinne internationaler Konzerne steigen, aber der versprochene Zuwachs an Arbeitsplätzen bleibt aus. Nationale Regierungen machen derzeit vor allem eine Erfahrung: die Erfahrung ihrer Ohnmacht“ (Jessen 2006: 7). Der millionenfache Mangel an Arbeitsplätzen angesichts einer rasch wachsenden Erwerbsbevölkerung in fragilen Staaten in der Peripherie Europas – dieses Strukturdefizit der globalisierten Marktwirtschaft gibt jeder erdenklichen Flüchtlingspolitik eine tragische Komponente.

Einer Schätzung des Pädagogik-Professors und Bevölkerungswissenschaftlers Gunnar Heinsohn zufolge (der heute Militärdemografie am NATO-Defense College in Rom lehrt), leben ca. 2,1 Milliarden Menschen im „Islambogen“ sowie in Schwarzafrika, von denen etwa ein Viertel zu potentiellen Wirtschafts- und Sozialmigranten zu zählen sei. Momentan würden sich, wenn sie nur könnten, etwa 540 Millionen Menschen auf den Weg ins Exil machen – also jeder Vierte – , und bis 2050 könnten es noch einmal doppelt so viele werden – (1,1 Milliarden von dann 3,5 Milliarden Menschen), die als Folge von Bürgerkriegen, Arbeitslosigkeit, Armut und Klimawandel die Völkerwanderung verstärken würden. Bei knapp 510 Millionen EU Bürger seien „das welthistorisch nie erlebte Dimensionen“ – warnte Prof. Heinsohn. Als logische Folge dieses Szenarios sollte es für Europa-Politiker nur eine konfliktminimierende Krisenpolitik geben: Fluchtursachenbekämpfung im großen Stil, wo immer möglich, und gleichzeitig eine koordinierte Migrationspolitik, die eine kollektive Sicherung der Außengrenzen mit rechtsstaatlich vertretbaren Methoden ermöglicht. Eine solche Politik würde hohe Kosten verursachen und sicherlich auch hier und da hässliche Bilder der gewaltsamen Abwehr von Menschen in Not wird entstehen lassen – allerdings ohne den Einsatz von Schusswaffen, wie von der AFD-Vorsitzenden Frauke Petri in die Diskussion geworfen. Wie das aussehen könnte, kann man heute an der Grenze zwischen USA und Mexiko studieren: es gibt keine absoluten Schutz vor illegal einwandernde Menschen, aber doch einen wirksamen Wall zum Schutz gegen Masseneinwanderung. Der deutsche Entwicklungshilfe-Minister Gerd Müller/CSU signalisierte Verständnis für diesen Ansatz, als er meinte, dass bisher erst zehn Prozent der Fluchtwelle aus Syrien und Irak in Europa angekommen seien; er erwarte weitere acht Millionen nur aus dieser Gegend. Deshalb forderte er den Einsatz von europäischen Aufbau-Fonds von erstmal 10 Milliarden €, um Flüchtlinge in der Region menschenwürdig unterbringen zu (Müller 2016). Aber auch wenn die notwendigen Hilfsgelder von den EU-Mitgliedsländern aufgebracht würden (was im März 2016 unwahrscheinlich erscheint), bliebe, theoretisch gesprochen, für viele Millionen zuwanderungswillige Kriegsflüchtlinge das Recht auf Asyl bestehen, das auch die militante Zurückweisung an den Außengrenzen eines Landes nicht erlaubt. Denn die zentrale Bestimmung der Genfer Flüchtlingskonvention von 1951 ist das in Artikel 33 verankerte Gebot der Nicht-Zurückweisung (das so-genannte Refoulement-Verbot). Es verpflichtet die Staaten, niemanden an ihrer Grenze zurückzuweisen oder abzuschieben, der daraufhin gezwungen wäre, sich in einem Staat aufzuhalten, in dem er wiederum aus rassistischen oder anderen Gründen bedroht wäre (Cremer 2016: 42). Aber genau das passiert seit dem EU-Türkei-Abkommen von März 2016 – dem viel geschmähten „schmutzigen Deal“ – täglich an der griechisch-türkischen Grenze.

Ferner machte Gunnar Heinsohn darauf aufmerksam, dass die EU bis 2050 allein 70 Millionen Menschen brauchen würde, um fehlende Geburten auszugleichen [„Aber es müssen Kompetente kommen, weil Ungelernte nirgendwo fehlen“]. Überdies wollen bis dahin Australien, Kanada und Neuseeland rund 30 Millionen Neubürger im Ausland rekrutieren. Sie hoffen auf Europas Könner auch deshalb, weil ihnen deren zunehmende Entfremdung von der Heimat nicht verborgen bleibt“ (S. 26-27). Was Heinsohn damit andeutet, ist ein globaler Wettbewerb um die „Könner“, um die Professionals, um die „klugen Köpfe“, und er rät dringend dazu, unsere Einwanderungs- und Asylpolitik an den erfolgreichen Staaten Australien, Kanada auszurichten. Aus seiner Perspektive erscheint die Haltung jener, die meinen, dass jeglicher Versuch der politischen Steuerung von Flüchtlingsströmen – durch Grenzzäune oder FRONTEX zwecklos sei, als töricht.

Somit drängt sich die Frage auf, wo bleiben die so genannten „Ungelernten“, also die Menschen, die nicht weniger begabt sind als die Globalisierungsgewinner, die aber nicht das Glück hatten, eine Universität oder eine Berufsschule besuchen zu können? Auf diese komplizierte Frage kann ich hier nur eine knappe Antwort geben, dazu noch eine nicht sehr beruhigende: Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts waren Europäer (und Nordamerikaner) auf der Suche nach billigen Arbeitskräften und Rohstoffen unterwegs, heute wollen die global players der Marktwirtschaft nur noch Ackerland und Rohstoffe, nicht mehr die Menschen, die auf dem Land mehr schlecht als recht leben. Sie sind – horribile dictu – „überflüssig“ und werden im Zuge des bedrohlichen „land grabbings“ seitens der Chinesen, Europäer, Amerikaner  weiter marginalisiert, an den Rand gedrängt (Pearce 2012).

Man muss es so hart sagen, und dann verlasse ich auch dieses unerfreuliche Thema: Die seit Kolumbus in Gang befindliche Expansion und Fortentwicklung des kapitalistischen Weltsystems hat einigen Völkern auf dieser Erde Wohlstand und ein längeres Leben ermöglicht – einschließlich derer in Asien und Teilen Lateinamerikas – , aber im 21. Jahrhundert vermochte es nicht mehr, etwa einem Fünftel der Weltbevölkerung genügend „jobs“, d. h. Existenz sichernde Arbeitseinkommen, zu sichern oder in Aussicht zu stellen (Tetzlaff 2016; Lüders 2016). Unsere Fortschrittsmodell – das wissen wir spätestens seit 1972, als der erste Bericht an den Club of Rom „Grenzen des Wachstums“ erschien – hat sich also als nicht nachhaltig und als nicht universalisierbar erwiesen. Die Flüchtlingsströme in Richtung Norden (Europa) sind also nicht allein die Folge von Kriegen im Nahen Osten, sondern haben auch eine globale entwicklungspolitische Dimension, die der schon zitierte Minister Gerd Müller wie folgt auf den Punkt brachte: „Wir haben unseren Wohlstand auf dem Rücken der Entwicklungsländer aufgebaut. Das wird nicht mehr lange gutgehen. Diese Spannungen entladen sich. Dann ist egal, was wir hier festlegen. Die Menschen werden uns nicht fragen, ob sie kommen können“ (Gerd Müller. In Bild vom 9.1.2016).

Dieser historische Hintergrund ist wichtig, um das beliebte Argument von ratlosen Politikern richtig einschätzen zu können, man wolle Flüchtlinge aufhalten auf dem Wege der Fluchtursachenbekämpfung – durch die Tropfen der Entwicklungshilfe (die sich mit den bisherigen Methoden als ziemlich unwirksam herausgestellt hat). Man muss Joschka Fischer zustimmen: „Der Druck auf die Länder des reichen Nordens auf ihre Stabilität und ihren Rechtsstaat und ihre Wirtschaft wird nicht mehr weggehen. Europa wird seine Außengrenzen sichern müssen“. Wo findet nun die politische Planung der Krisenprävention statt – in Berlin? In Brüssel? In Straßburg? Und wie wird das geschehen? Werden die Flottenverbände der NATO-Staaten die Grenzräume zwischen Griechenland und der Türkei sowie das Mittelmeer zwischen der nordafrikanischen Küste und Italien, Frankreich, Spanien gewaltsam sichern müssen?

V: „Entfremdung der Fremden“ – das Krisenmanagement in der Flüchtlinggsfrage

Um diese fremden Menschen nicht in Parallelgesellschaften abrutschen zu lassen, hat Herfried Münkler den genial klingenden Vorschlag unterbreitet, das „Projekt der ‚Entfremdung der Fremden“, zu starten, d. h. die Umwandlung der Migranten „aus Konkurrenten um knappe Ressourcen in Beiträger zur Bearbeitung von Mängeln und Defiziten der sie aufnehmenden Gesellschaft“ (Münkler in Anja Reschke 2016: 1193).

Der Zustrom von Migranten sollte nicht als Gefahr sondern als Chance wahrgenommen werden; denn „satte, zumeist überalterte Gesellschaften“ der industrialisierten Welt bräuchten die jungen, aufstiegsorientierten, hart arbeitenden Migranten aus der Dritten Welt. Europa solle „die anfänglich durchaus vorhandene Integrationswilligkeit der Migranten“ und ihren Arbeitselan nutzen: Regierungen sollten „die Leistungskonkurrenz“ zwischen Einheimischen und Migranten zulassen, gleichzeitig aber „die Entstehung von konkurrierendem Sozialneid mit all seinen gesellschaftlichen Spaltungseffekten zu verhindern“ suchen (S. 198) – also all das, was in Frankreich und England nicht geschafft wurde. Die Bio-Deutschen sollten nicht überfordert, die Migranten sollten nicht unterfordert werden; denn „solche Mischungen aus Über- und Unterforderung“ seien „ein zuverlässiges Modell fürs Scheitern“ (S. 199). „Aus den Migranten müssen vielmehr, wenn sie auf Dauer bleiben wollen, ‚Deutsche‘ werden – ein Imperativ, der sich zwingend ergibt. ‚Deutsche‘ werden‘ heißt, dass sie sich auf diese Gesellschaft einlassen und mit deren Wohl und Wehe identifizieren“ (Münkler 2016: 199).

Das ist strategisch klug gedacht, aber wie realistisch ist diese Vision der Ent-Fremdung der Fremden? Fragen wir den bekannten Historiker und „Welt“-Kolumnist Prof. Michael Stürmer . Er hat jüngst die Chefs von vier deutschen Wirtschaftsverbänden kritisiert, die sich angesichts fehlender Arbeitskräfte der „Täuschung“ hingäben, „dass jeder überall austauschbar wäre…, so als ob Kultur, Mentalität, Religion und viele unbewusste Prägungen nichts wäre als Quisquilien [zu deutsch: Belanglosigkeiten] wären, die mit ein bisschen gutem Willen und finanzieller Nachhilfe auszuputzen“ wären. „Hinter dem rätselvollen Kanzlerwort ‚Wir schaffen das‘“ verberge sich – so Stürmer – „eine säkulare Aufgabe mehr von Jahrzehnten als von Jahren“, eine Aufgabe, „die furchtbar missglücken“ könne. Aus Grund für seine Befürchtung gab Prof. Stürmer folgendes Argument an: „Die Rolle der Religion und ihrer Ausprägungen im Alltag als Restwert zu behandeln“, sei „vordergründig aufgeklärt“. Doch wer „die Prägekraft der Religion“ ignorieren würde, der begehe einen Fehler.

Der algerische Schriftsteller und Publizist Kamel Daoud bestätigte diese Sicht, als er schrieb: „Man denkt beim Flüchtling an dessen Status und nicht an seine Kultur. Er ist ein Opfer, das die Projektionen der Europäer auf sich zieht, die Pflicht zur Menschlichkeit oder Schuldgefühle. Man sieht den Überlegenden und übersieht, dass der Flüchtling in einer Kultur gefangen ist, in der das Verhältnis zu Gott und zur Frau eine wichtige Rolle spielt. Im Westen angelangt, hat der Flüchtling oder der Migrant sein Leben gerettet; aber man übersieht nur zu gern, dass er seine Kultur nicht so leicht aufgeben wird. Seine Kultur ist das, was ihm angesichts seiner Entwurzelung und des Schocks der neuen Umgebung bleibt. Das für die westliche Moderne so fundamentale Verhältnis zur Frau wird zumindest dem Durchschnittsmann unter den Flüchtlingen lange unverständlich bleiben. Daher wird er in diesem Punkt lavieren, aus Angst oder im Sinne eines Kompromisses oder in dem Willen, ‚seine Kultur‘ zu bewahren; aber das alles wird sich nur sehr, sehr langsam verändern. Da genügt der kleinste Anlass, ein Rückfall in den Herdentrieb oder ein affektiver Fehlschlag, und alles kehrt schmerzvoll wieder. Die kollektiven Adoptionen sind insofern naiv, als sie sich auf die Bürokratie beschränken und sich durch Mildtätigkeit weißwaschen“(Kamel Daoud in FAZ vom 18.02.2016, S. 11: „Das sexuelle Elend der arabischen Welt“).

  1. Teil: Wie sind kulturelle Missverständnisse angesichts unterschiedlicher Rollenbilder von Mann und Frau zu vermeiden?

Beim Versuch der politischen Steuerung von Migrationsprozessen kann es nicht schaden, sich zu fragen, was wir von anderen Völkern lernen können. Berlin wäre z. B. gut beraten, aus den Ursachen der Misserfolge  der Integrationspolitik in Frankreich und England zu lernen, um eigene Fehler zu vermeiden. Frankreich hat seine mehrere Millionen von eingewanderten Muslimen in die trostlosen ghetto-artigen Vororte der Großstädte – in die Banlieus – verbannt, in denen heute ein Viertel bis die Hälfte der Jugendlichen ohne feste Arbeitsverhältnisse leben und kaum soziale Aufstiegschancen haben, was Hass auf Frankreich erzeugen muss. Die Kolonialmacht England hatte ebenfalls Millionen von Muslime vornehmlich aus asiatischen Commonwealth-Staaten aufzunehmen, was in einigen Fällen zu schweren Menschenrechtsverletzungen mit rassistischen Untertönen geführt hat. Berüchtigt wurde das Verbrechen in dem englischen Rotherham, einer ehemaligen Industriestadt in der Grafschaft Süd-Yorkshire, wo zwischen 1997 und 2013 etwa 1400 britische Mädchen und junge Frauen von immigrierten Pakistanern aus der Islamgemeinde von Rotherham gequält und sexuell ausgebeutet wurden – ohne dass die britischen Nachbarn und Behörden aus Angst, des Rassismus und der Islamophobie angeklagt zu werden, den Skandal aufdeckten. Erst im Februar 2016 wurden einige der Beschuldigten rechtskräftig zu langen Gefängnisstrafen verurteilt. Aus dem offiziellen Untersuchungsbericht von Richter Alexis Jay vom August 2014 erfuhr die schockierte englische Öffentlichkeit von der „Kultur des Schweigens und Wegschauens“ in den mittelenglischen Städten:

Laut dem Bericht wurden die Kinder im Alter von elf Jahren „durch mehrere Täter entführt, in andere Städte in England gehandelt, vergewaltigt, geschlagen und eingeschüchtert“. Dabei kam es zu Gruppenvergewaltigungen, erzwungener Prostitution und „Trafficking“ – einem Weiterreichen von einer Männergruppe zur nächsten. Drei frühere Untersuchungen – durchgeführt 2002, 2003 und 2006[ – hatten bereits ähnliche Ergebnisse erbracht, aber seien „wirkungsvoll unterdrückt“ worden, weil Beamte „den Daten nicht glaubten“. (nach Wikipedia – Bericht vom 5.3.2016). Somit ist auch die Zivilgesellschaft gefordert, eine Wächterfunktion einzuüben, um der Unkultur des Wegschauens entgegenzuwirken, wenn lokale Integrationsprozesse offensichtlich misslingen.

Da die heutige politische Landschaft ein vermintes Terrain darstellt, wenn es um Flüchtlingsfragen und Asylpolitik, das an jeder Ecke, durch jegliche Bemerkung stets die Gefahr lauert, Empörung oder Widerspruch auszulösen – jeweils moralisch begründbar -, wäre es klug, sich den Habitus der Ambiguitäts-Toleranz zu eigen machen, d. h. zunächst darauf zu verzichten, eine eindeutige Bewertung der uns unerklärlich vorkommenden religiösen und ethischen Zusammenhänge vorzunehmen. Diese im islamischen Kulturkreis entstandene Haltung verzichtet auf die ausschließliche Geltung der jeweils eigenen Meinung und akzeptiert die Möglichkeit, dass divergierende Normen und Werte auch friedlich nebeneinander bestehen können. Wegen der Ambivalenz vieler Koran-Suren (– niemand kann authentisch sagen, was der „wahre Islam“ ist – dazu gleich mehr) mussten früher Muslime lernen, Mehrdeutigkeit, Vagheit und Vielfalt zu ertragen und sich auf der Suche der Wahrheit zuweilen auch mit Wahrscheinlichkeiten zufrieden zu geben. Kulturen und Epochen unterscheiden sich auch dadurch, dass Menschen Mehrdeutigkeit, Vagheit, Vielfalt von Problemlösungen empfinden und wie sie damit umgehen. Man kann Ambiguitäten im Sinne von Un-Eindeutigkeiten entweder zu vernichten versuchen, um ‚absolute Wahrheiten‘ zu schaffen, oder man begnügt sich, Ambiguität zu bändigen, „bis man mit ihnen gut leben kann“ (Thomas Bauer 2011: 13). Ambiguitäts-Toleranz erfordert Hörbereitschaft und kann als die gelassene Hinnahme von Vielfalt und Mehrdeutigkeit bei der Klärung ‚letzter Fragen‘ definiert werden. Die reale Entwicklung der arabischen und muslimischen Gesellschaften ist leider seit dem Mittelalter davon stark abgewichen und hat in diversen Spielarten des Fundamentalismus sein Heil gesucht und nicht gefunden (Näheres dazu in: Tetzlaff 2016).

Im Folgenden sollen einige zentralen Fragen der islamischen Kultur: Frauenrechte – Frauenunterdrückung. Meine Generation hat in der Schule noch recht wenig von der islamischen Kultur erfahren. Weder wird den Schülern ihr großer kultureller Reichtum nahegebracht, noch solide Kenntnisse über Religion und Alltag der Muslime. Natürlich gilt das auch umgekehrt: Muslime kommen als Migranten nach Europa und verstehen zunächst die Welt nicht mehr, weil sie ihre Welt für die Welt halten. Kulturelle Konflikte im Einwanderungsland sind dann vorprogrammiert. Solche befremdlichen Erfahrungen führen zu Frustration, Ablehnung, Einsamkeit und möglicherweise Hass und Gewalt. Viele von ihnen leben heute schon in Parallel- und Gegengesellschaften. Die Reportagen und Berichte des Berliner Bezirksbürgermeisters Heinz Buschkowsky oder das Buch „Generation Dschihad“ von Ahmed Mansour geben darüber Auskunft.

An einigen Beispielen von unterschiedlichen Weltbildern sollen inter-kulturelle Differenzen diskutiert werden, deren friedliche Beilegung für das Gelingen der Integration im Alltag der Bürgerinnen und Bürgern sehr wichtig erscheint. Wenn z. B. ein junger Mann in Algerien oder in Ägypten oder im Sudan einen Polizisten sieht, wird ihm wohl nicht der Gedanke „Dein Freund und Helfer“ in den Sinn kommen, sondern wohl eher der ängstliche Impuls, „dem gehst du lieber aus dem Wege, denn er ist Repräsentant der staatlichen Willkürherrschaft“. Wenn dieser junge Mann nun aus einer Diktatur flieht – wofür ich großes Verständnis habe – und unvermittelt eine liberale rechtsstaatliche Ordnung erlebt, wird das zunächst zu Irritationen. So hat die Kölner Polizei hat von der Silvesternacht 2015/2016 geschildert, wie hier zwei Welten aufeinander stießen: „Ein Rechtsstaat, der auf Deeskalation, Integration und verständnisvolle Re-Sozialisation junger Straftäter setzt, mit aller Milde des Gesetzes. Und [beschäftigungslose] Zuwanderer aus autoritären Gesellschaften, die diese Instrumente missverstehen“ und deshalb die Situation ausnutzen, „dass sie oft auch als Regelbrecher weder abgeschoben noch hart bestraft werden“. Nichts spricht aber gegen die Erwartung, dass sich diese Migranten bezüglich ihrer Einstellung zu Polizei und Rechtsstaat mehr oder weniger rasch kulturell anpassen würden und könnten, wenn ihnen nur eine lebenswürdige Perspektive geboten würde, z. B. die Integration in den europäischen Bildungs- und Arbeitsmarkt.

Im Jahr 2040 wird Deutschland 40% mehr Rentner haben als heute, während die Zahl der Erwerbstätigen um ein Viertel schrumpft. Wir sitzen somit – was seit langem bekannt ist – in einer ‚demographischen Falle‘, die auch „eine große Gefahr für den Wohlstand einer ganzen Generation“ darstellt, wie Prof. Werner Sinn, der Präsident des Ifo Instituts für Wirtschaftsforschung, warnt (zit. in: Dyrk Scherff: „Die demographische Falle“, in: FAS vom 14.02.2016, S. 21). Daher müsste sich die Flüchtlings- und Migrationspolitik der EU-Staaten viel stärker als bisher an den gesellschaftlichen Eigeninteressen der Aufnahmeländer ausrichten, so wie es Australien, Kanada und USA seit langem tun.

Eine solche Politikreform würde die realistische Möglichkeit dessen voraussetzen, was Herfried Münkler als die  Strategie der „Entfremdung der Fremden“ genannt hat, also die Nutzbarmachung der Erwerbspotentiale der Zugewanderten. Dass dies möglich ist, wird von einer zentralen Erkenntnis der sozialwissenschaftlichen Forschung gestützt: Kulturelle Werte sind nicht statisch oder in Stein gemeißelt, sondern sie können sich ändern, relativieren, erweitert oder ersetzt werden. Das geschieht, wenn sich die sozialen oder wirtschaftlichen Umstände, oder anders gesagt die Kontexte, ändern. Menschen sind fähig, neue kulturelle Erfahrungen zu machen, diese durch ihren Schatz von Erfahrungen zu sieben und die Elemente sich einzuverleiben, die ihnen gefallen oder opportun erscheinen. Allerdings muss dabei berücksichtigt werden, dass die erlernte Einstellung zum anderen Geschlecht, zu Familie und zur Ehe, zu dem kulturellen Bereich der Erziehung gehört, der sich innerhalb einer Generation als ziemlich veränderungsresistent erwiesen hat – verglichen mit den neuen Anforderungen aus der Arbeitswelt.

Der wohl am häufigsten diskutierte Kulturkonflikt ist der Kampf um die Definition von Frauenrechten und Frauenwürde im Islam (Alavi 2005; Schneider 2011; James 2015). Die öffentliche und symbolische Rolle der Frauen bildet „das Herzstück des islamistischen Diskurses“; und daher gebietet es jedem die Fairness, mit Empathie und höchst differenziert bei der Beschreibung der widersprüchlichen Realitäten vorzugehen: „In einer Polemik nach der anderen kontrastieren islamistische Autoren die tugendhafte muslimische Frau mit ihrem westlichen oder verwestlichen Gegenbild – nackt, unzüchtig und verdorben, eine latente Quelle von fitna, von Streit“ (Ruthven 2000: 128). In manchen Suren des Korans und Hadithen ist die Frau die Heilige, in anderen aber ist sie das Gegenteil, da ist sie die Schamlose, das „Saatfeld des Mannes“ (Sure2, 223). Es ist so – sagt die ehemalige Femen-Aktivistin Zana Ramadani, dass die Frau fromm und gut sei, „solange sie sich rein und züchtig verhält, solange sie sich unterordnet und gehorcht und funktioniert. Man wird geehrt und gut behandelt, wenn man sich fügt. Aber der muslimische Alltag ist auch abartig, er kommt gut in folgende Sure zum Ausdruck: ‚Eure Frauen sind für euch ein Saatfeld. Geht zu eurem Saatfeld, wo immer ihr wollt‘. Die Frau als Saatfeld, als Sexobjekt zur freien Verfügung des Mannes – wenn man das seinen Söhnen und Töchter beibringt, wundert einen nicht, was da in Köln und überall im muslimischen Kulturkreis passiert. Für mich steht fest: Diese Angriffe haben also etwas mit dem Islam zu tun…Es gibt verschiedene Frauen. Die meisten halten still, sie akzeptieren alles, ihre Rolle und auch ihre eigene Minderwertigkeit. Die tragen von klein an, zum Beispiel in Berlin auf dem Schulhof, freiwillig das Kopftuch und verachten schon als Schülerinnen Mädchen, die das nicht tun. Von diesen Mädchen geht oft ein wahnsinniger Gruppenzwang aus. Und es gibt die anderen, die gegen ihre Eltern rebellieren, so  wie ich z. B. Ich wurde dafür jahrelang bestraft, mit Prügel, so hart, dass ich tagelang nicht sitzen konnte. Übrigens hat mich immer meine Mutter verprügelt, nie mein Vater. So ist es fast immer…Auf mich übten die westlichen Werte, die ich in der Schule, auf der Straße, bei meinen Freundinnen sah, eine unglaubliche Anziehungskraft aus. Für uns wird dann das Leben in der Familie zur Hölle“ (Ramadani 2016).

Der Dortmunder Pädagoge Ahmet Toprak mit dem Schwerpunkt interkulturelles Konfliktmanagement erklärt das Rollenverständnis von muslimischen Männern, die aus patriarchalischen Gesellschaften stammen und die sich oftmals „von der Mehrheitsgesellschaft abgehängt und diskriminiert werden“, mit dem „Streben nach Macht und Kontrolle, das sich in der sexualisierten Gewalt ausdrückt. Indem die Männer die in ihrer Sicht ehrlosen Frauen [mit westlichem Benehmen] belästigen und demütigen, stellen sie eine Ordnung wieder her, die ihnen entglitten ist“ (Toprak 2016). Sie sind davon überzeugt, das Richtige zu tun; denn in ihrer Heimat ist der Mann das Familienoberhaupt und der Ernährer, zugleich auch der Beschützer und Repräsentant der Familie nach außen und somit der Hüter der Ehre der Familie, die am ehesten durch den Freiheitsdrang der weiblichen Familienmitglieder bedroht erscheint. Die Führungsrolle des Mannes beinhaltet eine dauerhafte Dominanz über Frauen und Töchter; und umgekehrt gilt ein Mann, der seine Familie nicht versorgen und repräsentieren kann, als ehrlos (Toprak 2016). Was dem Mann, der aus einer patriarchalischen und gleichzeitig muslimisch geprägten Gesellschaft stammt, als sittlich geboten erscheint, kann dem europäischen Mann mit einem konservativen Rollenverständnis als das krasse Gegenteil erscheinen. So ist aus Sicht des konservativen Schweizer Publizisten und TV-Moderator Frank A. Meyer die Kopftuch oder Burka tragende Muslima schlechthin das Symbol für Unterdrückung der Frau im Islam:  „Die Befreiung der Frau ist das entscheidende Kriterium für eine freie Gesellschaft. Daran können Sie den Entwicklungsstand einer Zivilisation ablesen. Der Islam ist nun mal eine Religion, die bis heute die Frau entmündigt. Die Persönlichkeit der Frau wird beschränkt, zum Beispiel durch das Kopftuch…Die Verschleierung zwingt die Frau in ein Kleidergefängnis. Sehschlitze und Sehgitter von Nikab und Burka löschen die Person vollständig aus. Das sind Ungeheuerlichkeiten. Und eine Beleidigung für jede freie Frau in unseren Straßen. Ihr werdet vorgeführt: So darf man mit Frauen umgehen – auch in der Schweiz, auch in Europa“ (Meyer 2015, S. 2). Übrigens ist die Verhüllung von Frauen sogar unter islamischen Lehrautoritäten umstritten – nicht nur in der Türkei.  Der Groß-Imam der Al-Azhar Universität in Kairo[1], Ahmed al-Tayyeb, ein Hort der Orthodoxie, bezeichnete den Gesichtsschleier (den Niqab) als „unislamisch“ – ebenso wie dessen Vorgänger (Schenk 2012: 31).

Dagegen haben Islam-Gelehrte zuweilen eine völlig andere Sicht auf die Verschleierung der muslimischen Frau und die Tradition der Absonderung von Frauen. Der Schleier (hijab) könne auch als Zeichen der Unabhängigkeit gemeint sein, das darauf verweise, sie – die Frau – brauche zum Schutz keinen männlichen Begleiter. Oder aber diese Kleidung könne ein Zeichen der Zurückweisung der herrschenden Kleidersitten in der Einwanderungsgesellschaft sein (nach  Ruthven 2000: 151). Wenn wir Adornos Diktum zustimmen, dass Freiheit bedeute, „auch anders ohne Furcht leben zu dürfen“, dann gilt das auch für Kopftuch tragende Muslima. Für mich ist allerdings mit der Burka eine Toleranz-Grenze erreicht, d. h. überschritten: „Die Burka, der Oberkörperumhang mit Gitterfenster, macht Kommunikation unmöglich, ebenso der sogenannte Niqab, der nur einen Sehschlitz frei lässt. „Kommunikation aber ist die Voraussetzung, um am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Außerdem kann man überall dort, wo sich Sicherheitsfragen stellen, solche Kleidung verbieten…Der vor allem in Saudi-Arabien übliche Niqab drückt eine sehr sexualisierte Sicht auf die Frau aus, die für die angebliche Gefährdung der Männer verantwortlich gemacht wird“ (Prof. Mathias Rohe im Gespräch mit Christian Schüle, „Zwang wird nicht geduldet“, in: Die Zeit Nr. 19, vom 6.5.2010, S. 17). Ich wäre für ein Vermummungsverbot von Menschen in der Öffentlichkeit, so wie es in Belgien und Frankreich geregelt ist.

Auch die erste deutsch-türkische und muslimische Landesministerin Deutschlands, Sozialministerin Aygül Özkan, die sich Ministerpräsident Christian Wulff im April 2010 ins Kabinett nach Hannover holte, hatte ihre liebe Not, als personifizierte Symbol für gelungene Integration sowohl gegen das Kruzifix in Schulen als auch gegen Kopftücher in Klassenzimmern anzugehen. Sie vertrat mutig die Ansicht, dass jedes Kind „selbst entscheiden müsse, wie es sich religiös orientiert. Darum“ sei sie „dagegen, derartige Symbole an Schulen zuzulassen“ (Aygül Özkan 2010: 36-37). Für diese ‚anstößige‘ Haltung musste sie selbst einen Preis zahlen: ein besonderer Personenschutz musste, solange sie Ministerin war (bis 2014), für ihre Sicherheit sorgen – einen Preis, den zahlreiche Muslima und Muslime zu zahlen haben, die wie Salman Rushdie, Necla Kelek oder Hamed Abdel-Samad zu entrichten haben.

Bedenken wir aber auch, dass kulturelle Anpassungsfähigkeit nicht beliebig herstellbar ist, wenigstens nicht innerhalb einer Lebensspanne. So haben die beiden deutschen Islamwissenschaftlerinnen Christine Schirrmacher und Ursula Spuler-Stegemann, die in ihrem Buch „Frauen und die Scharia. Die Menschenrechte im Islam“ im Jahr 2006 folgendes festgestellt: „Die westliche Auffassung von der Unterdrückung der Frau durch den Islam wird von Muslimen – auch von muslimischen Frauen – nur selten geteilt. Die Höherordnung des Mannes [„Die Männer stehen über den Frauen, weil Gott sie bevorzugt hat und wegen der Ausgaben, die sie von ihrem Vermögen gemacht haben.“, (Koran-Sure 2)] ist aus muslimischer Sicht durchaus mit dem Prinzip der im Islam herrschenden ‚Geschlechtergerechtigkeit‘ vereinbar, die der Frau Würde, Ansehen und Ehre verleiht: Die Frau sei zwar gleichwertig, aber nicht gleichartig geschaffen“. Im Lichte der autobiographischen Berichte und Bücher der in Deutschland lebenden Muslima, die es geschafft haben, sich gegen orthodoxe und traditionelle Familienpraktiken zur Wehr zu setzen, klingt diese Deutung einerseits realitätsfern, sollte aber andererseits unter Hinweis auf Ambiguitätstoleranz respektiert werden. Klug und angemessen erscheint mir die Haltung von Christian Schüle: „Trotz vielfältiger Zuschreibungen ist das Kopftuch eine Uniform, die sich jeder uniformen Betrachtung entzieht. Über Jahrhunderte hinweg waren an Kopftuch und Schleier bestimmte Werte, Normen und Frauenbilder geknüpft“ (Schüle 2010: 17). Ein generelles Kopftuchverbot (wie es in der kemalistischen Türkei üblich war) ist in Deutschland nicht angesagt, weil es – nach Meinung des Erlanger

Islamwissenschaftlers und Professors für Bürgerliches Recht und Rechtsvergleichung Mathias Rohe – eine „Zwangsbefreiung der muslimischen Frauen“ gleichkäme, was als Ausdruck „eines arroganten Staatskommissar-Denkens“ abzulehnen sei (Schüle 2010: 17). Das Bundesverfassungsgericht hat in seinem Urteil vom 24. 09. 2003 verfügt, dass das Kopftuch nicht allein als Zeichen der Unterdrückung der Frau gedeutet werden könne. Den Ländern sei es deshalb frei gestellt, ein Kopftuchverbot an Schulen einzuführen oder nicht.

Anders liegt die Sachlage bei der Zwangsverheiratung von jungen Muslima; sie ist in Deutschland eine Verletzung der Menschenrechte und ein Straftatbestand, und dort, wo sie praktiziert wird, die nicht zu tolerierende Praxis einer Parallelgesellschaft – wie auch die Praxis von Friedensrichtern, die sich dem staatlichen Rechtsmonopol bei Straftaten entziehen (Bielefeld 2005; Wagner 2011). Junge Frauen brauchen sehr viel Mut und gehen ein hohes Sicherheitsrisiko ein, wenn sie sich gegen die altmodischen Sitten der Familie zur Wehr setzen (Kelek 2009, Schneider 2011,James 2015, Staat 2016). Seit 2011 ist ein Gesetz gegen Zwangsverheiratung in Kraft, aber sie scheinen wirkungslos zu sein. Eine Konferenz der Gleichstellungs-Ministerien im Jahr 2013 ergab, dass es in fünf beteiligten Bundesländern ca. 700 Fälle von Zwangshochzeiten gegeben hätte, davon 460 in Berlin. Die Dunkelziffer für Zwangsehen von Mädchen und Jungen wird auf Tausende geschätzt, wobei 2012 und 2013 bundesweit nur zwei Männer wegen Verstoßes gegen das Gesetz verurteilt wurden (Kranz 2016).

Was hier die Relativierung ererbter kultureller Normen durch neue Kontexterfahrungen im Einwanderungsland problematisch erscheinen lässt, ist die Tatsache, dass oftmals ganz bestimmte kulturell-religiöse Gebote und Verbote mit dem Hinweis auf ihr Qualität als göttliche Anweisungen von ewiger Gültigkeit als unveränderlich hingestellt werden. Das ist aber weitgehend eine Auslegungssache durch selbst ernannte oder orthodoxe Religionsexperten – und dieser Umstand der Flexibilität öffnet den Weg zu einer vernunftgeleiteten Verständigung zwischen Islam und Christentum, wie sie bereits im 9. Jahrhundert von der Geistesströmung der Muta-ziliten. Im heutigen Irak und Syrien propagiert, aber nach kurzer Blüte erstickt worden ist (Borgolte 2006, 549f., Nagel 1998, 75f., Khoury 2001 ). Gehen wir deshalb nicht den religiösen Fundamentalisten auf den Leim, die ihren Anhängern und uns glauben machen wollen, dass die Scharia ein ewig und allseits gültiger Kanon von göttlichen Anforderungen für alle Lebenslagen sei. Am Beispiel von Zana Ramadani haben wir bereits demonstriert, dass muslimische Feministinnen heute wiederum eine andere Sicht auf die gegenwärtige Praxis der Gender-Erziehung im Islam haben: „Das Frauenbild, das uns in der Silvesternacht entgegenschlug, wird im gesamten islamischen Kulturkreis gelebt. In Mazedonien, wo ich herkomme, hätte unter Muslimen genau das Gleiche passieren können. Auch in Pakistan oder Bangladesch. In jedem islamischen Land hätte das passieren können und passiert dort auch täglich“ (Ramadani 2016: 2).

Einen Ausweg aus diesem Dilemma zwischen patriarchalischer Kultur und westlicher Moderne zeigt ausgerechnet die neuere reformorientierte Koranforschung. Sie hat uns ganz neue bzw. wieder-entdeckte Einsichten in Genesis und Exegese von Koran und Scharia ermöglicht, die es erlauben, orthodoxe Glaubensregeln in ihrer Relevanz für die Gegenwart zu hinterfragen. Z. B. behaupten orthodoxe Muslime gerne, der Koran sei nicht erschaffen worden, sondern er existiere seit der Ewigkeit, womit seien auch seine Ge- und Verbote zeitlos gültig. Dem wird heute beispielsweise von dem jordanischen Professor Suleiman Mourad prinzipiell widersprochen; denn der Koran sei dem Propheten Mohammed über einen Zeitraum von 22 Jahren geoffenbart worden, mit Hilfe des Engels Gabriel, und da Mohammed nicht lesen und schreiben konnte, musste er das Gehörte im Gedächtnis behalten. Einige seiner Anhänger lernten Teile davon auswendig und schrieben sie nieder. Als er 632 starb, gab es im eigentlichen Sinne noch keinen Kodex. Verschiedene Schüler hatten Varianten niedergeschrieben, was das Bedürfnis nach einer kanonischen Version weckte. Der damalige Kalif Uthman[2] setzte 650 ein Komitee ein, das einen Standardtext für die Gläubigen abfassen sollte“ (Murad  2014: 118). Leider gibt es für diese Darstellung kaum urkundliche Belege, dafür aber zahlreiche sich widersprechende Narrative. Man weiß, dass mehrere Versionen des Korans in Syrien und im Irak aus Stolz auf lokale Traditionen beibehalten wurden

Als Rechtsquellen benutzten Muslime immer auch die so genannten Hadithe (Aussprüche und vorbildliche Handlungen des Propheten). Als im Laufe der Jahrhunderte Tausende von Hadithen im Umlauf waren, stellte ein Gelehrter namens al-Bukhari im 9. Jahrhundert eine Sammlung von gültigen („gesunden“, sahih) Hediten zusammen: Von den 70.000 Hadithen, die zu seiner Zeit im Umlauf waren und die er geprüft hatte, hat er nur etwa 4.800 als authentisch qualifizieren können, der große Rest war erfunden worden. Nach Bukharis Tod wurden wieder Hunderte von neuen Hadithen in Umlauf gebracht, ungeachtet ihrer Authentizität (Mourad 2014: 124)[3].

Dieser kleine Ausflug in die Geschichte der Koranexegese zeigt, dass erst eine historische Kontextualisierung ergründen kann, was die Intention der göttlichen Botschaft, durch

Mohammed in seiner Sprache des 7. Jahrhunderts vage überliefert, wirklich gewesen ist und sagen will. Wenn der Koran z. B. sagt, dass Mann und Frau ihren Ursprung in einem einzigen Wesen („nafs , was Seele oder Geist bedeutet) haben, dann kann sich die angebliche Überlegenheit des Mannes möglicherweise nur auf die konkrete Situation beziehen, die die betreffende Sure anspricht: Sie könnte bedeuten, dass der Mann im Falle der Scheidung überlegen ist, da er auch mehr für den Unterhalt der Familie bezahlt habe (Amirpur 2013: 168).

Somit kommen islamische Feministinnen zu dem Schluss, dass die orthodoxe Interpretation des Korans und der Hadithe unter Umständen bloß kultureller Ausdruck des Patriarchats seien – weil die männlichen Gelehrten ihrem Herrschaftsinteressen folgend, die Heilsgeschichte konstruiert hätten – nicht anders als in allen anderen Religionen; denn „Religion ist Männermacht“.

Freilich – diese und ähnliche sehr weitgehenden Vorschläge zur Reform des Islams (siehe auch Hirsi 2005; Ramadan 2009 und Heller/Mosbahi 2001) muss man nicht als der Weisheit letzter Schluss annehmen, aber diese Haltung, „den Islam neu denken“, um Muslimen die Integration zu erleichtern und den Nicht-Muslimen kulturelle Ressentiments überwinden zu helfen, halte ich für eine ganz vordringliche Aufgabe der Völker- und Religionsverständigung. Es kann vielleicht sogar als Segen betrachtet werden, dass es – hermeneutisch und theologisch gesprochen – den „wahren Islam“ nicht gibt und die Muslime heute aufgerufen sind, den ‚großen Dschihad‘ fortzusetzen, um eine Synthese aus Tradition und Moderne zu erwirken, ohne ihre Frömmigkeit aufgeben zu müssen – getreu der Parole der romantischen Schriftstellerin Bettina von Arnim „Selbst denken ist der höchste Muth“ (El Masrar, zitiert als Motto ihres Buches bei Sineb El Masrar).

Die anstehende Integration der Muslime in eine säkulare, überwiegend christlich geprägte Gesellschaft könnte m. E. enorm erleichtert werden, wenn wir allen Beteiligten – Muslimen wie Nicht-Muslimen, den alt eingesessenen Deutschen wie den Neuen Deutschen[4] – darin bestärken könnten, sich den Reichtum und die Besonderheiten unserer gemeinsamen Kultur-Geschichten anzueignen und so ein neues Verständnis von Toleranz zu gewinnen (Tetzlaff 2016). Dafür brauchen wir – fordert auch der Islamwissenschaftler Muhammad Sameer Murtaza von der Stiftung „Weltethos“ – gut ausgebildete Imame aus Deutschland“ – anstatt Hassprediger und „die zahllosen wahabitischen Laienprediger“ aus Saudi-Arabien: „Die wohl wichtigste Herausforderung wird sein, den Islam neu zu beleben. Zu sehr ist er zu einer Gesetzesreligion verkommen, die reinen gehorsam fordert und sich in den Begriffen halal (erlaubt) und haram (verboten) erschöpft. Der Extremismus der Wahabiten ist ein deutlicher Beweis dafür, was passiert, wenn Religion nur noch blindes Handeln ist, bar jeder Barmherzigkeit und Vernunft“ (Murtaza 2012). Nicht übersehen dabei sollte man die Attraktivität des Salafismus, der einfache Antworten auf komplizierte Lebensverhältnisse anzubieten vorgibt: „Das Ziel, das Leben nach der ursprünglichen Lehre zu gestalten, kann als der kleinste gemeinsame Nenner des Salafismus betrachtet werden“ (Mohammad Abu Rumman 2015: 7).

Der verbale Kampf mit denen, die in Allahs Namen gegen unsere moderne Demokratie hetzen, darf nicht im Nebel eines grenzenlosen Kulturrelativismus verkümmern. Murtaza gehört zu den Muslimen, die dazu aufgerufen haben, den Wahabismus und die Terror-Organisation Al Kaida „in die Schranken zu weisen“ und deren menschenverachtende Botschaften „zu dekonstruieren“: Er erinnerte an „das Schweigen der Muslime in Deutschland, als der wahabitische Pseudo-Prediger Pierre Vogel im Jahr 2011 „zu einem Totengebet für Osama bin Laden aufrief und die muslimische Community sich theologisch nicht zu wehren wusste“ (Murtaza 2012). Es gelte präventiv durch Aufklärung zu wirken, um das Islam-Verständnis nicht denen zu überlassen, die das Bedürfnis von Jugendlichen nach Antworten auf den Sinn des Lebens missbrauchen. Das ist das Anliegen vieler Muslime hierzulande, die an einer Verschärfung der Spannungen zwischen den Religionsgemeinschaften am meisten zu leiden hätten (siehe die Beiträge in Weiße/Gutmann 2010 und Enns/Weiße 2016). In dieselbe Richtung wirken seit Jahren Reform-orientierte Muslime, die an einem neuen Islamverständnis arbeiten –   zu denen unter anderem auch die folgenden mutigen Autorinnen und Autoren gehören, die zuweilen den einfachen Gläubigen enorm viel zumuten:

  • die Marokkanerin Sineb El Masrar mit ihrem Buch „Emanzipation im Islam – eine Abrechnung mit ihren Feinden“ (Herder Verlag 2016);
  • die Pakistanerin Sabatina James (Pseudonym) mit ihrem Buch „Scharia in Deutschland. Wenn die Gesetze des Islam das Recht brechen“ (Knaur 2015)
  • der im Libanon geborene, in Saudi-Arabien aufgewachsene und heute in Münster lehrende islamische Religionspädagoge Mouhanad Khorchide „Gott glaubt an den Menschen. Mit dem Islam zu einem neuen Humanismus“ (Herder 2015);
  • die in Somalia geborene und heute an der Harvard Universität lehrende Ayaan Hirsi Ali: „Reformiert Euch! Warum der Islam sich ändern muss“ (Knaus 2015);
  • die aus Persien stammende Professorin für Islamische Studien an der Universität Hamburg Katajun Amirpur, Autorin des Buchs „Den Islam neu denken. Der Dschihad für Demokratie, Freiheit und Frauenrechte, (Beck 2013);
  • der in Ägypten geborene Intellektuelle und Islam-Forscher Hamed Abdel-Samad, Autor des „Buches „Der Untergang der islamischen Welt. Eine Prognose“ (Knaur 2010),
  • die in Istanbul geborene Necla Kelek, die mit ihrem Bericht aus dem Innern der Türkei „Bittersüße Heimat“, (Kelek 2009) tiefe Einblicke in die Mentalität und die Traditionen eines politischen zerrissenen Landes vermittelt;
  • die marokkanischen Soziologie-Professorin Fatema Mernissi, die mit ihren Büchern wie „Der politische Harem. Mohammed und die Frauen“ (Mernissi 1989) und „

Im Einzelnen haben diese Autorinnen und Autoren unterschiedliche Ansätze und Reformvorschläge, was sie meines Erachtens eint, sind die folgenden vier Überzeugungen:

  1. Der Koran muss „neu gedacht werden“, d. h. gereinigt von orthodoxen, nicht-authentischem Verständnis von Gott und der Welt, von Familie und Sexualität, von Selbstbestimmung von Frau und Mann, von Gewalt und Frieden;
  2. Der Anspruch auf männliche Kontrolle weiblicher Sexualität als patriarchalisches Ehrkonzept wird abgelehnt;
  3. Die Praxis der Muslime als integrationsbereite Bürgerinnen und Bürger in den säkularen, demokratischen Gesellschaften des Westens akzeptiert die geltende Staats-Verfassung ohne Scharia-Vorbehalt;
  4. Nicht alle Koran-Suren (und Hadithe) sind göttliche Offenbarungen von „ewiger“ Gültigkeit, sondern sind auf ihre historischen Kontexte zu untersuchen, wobei Ambiguitäten zu tolerieren sind.

Zusammenfassung und Ausblick

  • Was die Migrations- und Asylpolitik angeht, so haben wir in Europa bereits 25 Jahre verloren, wenn man dem Votum des ehemaligen Direktors des Instituts für Migrationsforschung und interkulturelle Studien in Osnabrück Prof. Klaus Bade von 1992 folgt: „Gegenüber Zuwanderungsdruck von außen“ seien „klare Optionen der Einwanderungspolitik im Innern“ notwendig: Einwanderungspolitik, die Minderheitenschutz und interkulturelle Toleranz umfasst, brauche „einen Katalog von Werten und eine Skala mit Zahlen. Voraussetzungen dazu wiederum sind konzeptionelle Antworten auf Fragen nach dem nationalen und europäischen Selbstverständnis und nach langfristigen Zielen im Bereich von Bevölkerung und Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur. Ohne solche richtungsweisenden Konzeptionen bliebe alle Einwanderungspolitik ziellos oder doch dazu verdammt, bloß defensiv zu sein“ (Bade 1992: 73-74).
  • Die im Vortragsthema formulierte Frage kann nun wie folgt beantwortet werden: Ja, während des nächsten Jahrzehnts wird sich das alltägliche Leben der Deutschen und der hier lebenden Menschen mit Migrationshintergrund – der alt eingesessenen und der neuen Deutschen – rascher und tiefgründiger als bisher schon verändern. Es wird sicherlich kulturell bunter, religiöse heterogener, sozial konflikt-trächtiger und insgesamt komplizierter und anstößiger werden: Auf den Plätzen, Märkten und in den Parks, in Schulen, Kindergärten, in Restaurants und Badeanstalten oder an den Ostsee-Stränden mischen sich Menschen mit unterschiedlichen Weltbildern und Selbstbildern, und damit auch mit unterschiedlichen Gewohnheiten, Erwartungen und positiven wie negativen Erfahrungen. Das wird von den einen als kulturelle Bereicherung erfahren werden, andere werden sich in ihre vertrauten ‚Heimat-Höhlen‘ zurückziehen, gemäß der Abgrenzungs-Formel „Du weißt wer du bist, wenn du weißt, wer du nicht bist“. Wieder andere – wozu der Vortragende gehört – werden zwischen Angst vor Überforderung und Hoffnung auf ein Wunder der unmittelbaren Zukunft skeptisch, aber den Wandel akzeptierend entgegensehen.
  • Islam und Christentum – im Ansatz sehr unterschiedliche Deutungen von Gott und der Welt – haben auch einiges gemeinsames, und vieles, was heute als trennend erscheint, ist wohl prinzipiell im Alltag einer multi-kulturell lebenden Gesellschaft mit gemeinsamen Spielregeln und Leitbildern verhandelbar und somit friedlicher Verständigung zugänglich – wenn alle Seiten guten Willens sind und Integration bejahen. Auch steht zu erwarten, dass ein Großteil der heute frommen Muslime hierzulande genauso mit religiösen Vorschriften umzugehen lernen wird wie auch fromme Christen und Juden es meistens in der Vergangenheit getan haben, wenn es galt, den seelischen Konflikt zwischen religiöser Vorschrift und weltlicher Vernunft auszuhalten: nämlich pragmatisch, lernoffen und friedfertig.
  • Wegen der vergleichsweise geringen Berufsqualifikation, der noch lange defizitären Deutschkenntnisse und der daraus folgenden relativ hohen Arbeitslosigkeit unter den Zugewanderten (wenigstens in den ersten zehn Jahren) sind im Durchschnitt die Integrationserfolge zunächst gering, was nicht zum Abbau von kulturellen Ressentiments beiträgt, sondern subjektiv wahrgenommene Erfahrungen von Fremdenfeindlichkeit und sozialer Exklusion verstärkt. Auch wegen ihrer beschränkten Bleibeperspektiven werden sich solchermaßen frustrierte Immigranten, die arbeiten wollen aber aus verschiedenen Gründen nicht dürfen oder können, kaum kulturell und emotional in der Aufnahmegesellschaft integrieren: die Zahl der Regelverletzungen, der kulturellen Missverständnisse bei der Erziehung der Kinder, der Diebstähle, der Einbrüche, ja auch der sexistischen Übergriffe auf Frauen erhöhen wird sich erhöhen – alles andere wäre pures Wunschdenken.
  • Die Frage, wie rasch die integrationsfähigen und –integrationswilligen Zuwanderer tatsächlich hier ankommen werden, hängt davon ab, wie energisch und konsequent die vier Voraussetzungen einer gelungenen Integrationspolitik realisiert werden können:
  1. Obligatorische Sprach- und Integrationskurse in hinreichender Zahl,
  2. der Qualifikation angemessene Arbeitsplätze bzw. Ausbildungsplätze in hinreichender Zahl (Hunderttausende pro Jahr also);
  3. geeigneter und bezahlbarer Wohnraum so rasch wie möglich und
  4. eine Integration über Symbolik und Signale der Wertschätzung, um Migranten „das Gefühl zu ermöglichen, auch emotional dazuzugehören“ So könnte ein neues Leitbild für Deutschland entstehen: „Pluralität, Solidarität und Gleichwertigkeit“, wobei das langfristige Ziel sein müsse, „die fehlende Chancengleichheit aufgrund von Herkunft“ zu überwinden.
  • Eine vollständige mentale Unterwerfung der Zugewanderten unter deutsche Werte und Normen wird nur vereinzelt stattfinden, und sollte auch nicht als generelle Norm erwartet werden: Wer das fordert, treibt Migrantinnen und Migranten der ersten Generation, auch die integrationswilligen, in den kulturellen Untergrund, in weitere Parallelgesellschaften, die sich voneinander abkapseln. Das wäre dann der Ausweis missglückter Integration.
  • Ein aus Schwäche oder Relativismus geborener, bloß passiver und reaktiver Multi-kulturalismus ist zu vermeiden. Ohne Einschränkung müssen vernünftige praktische Regeln des Zusammenlebens beachtet werden und bei Zuwiderhandlung müssen Sanktionen greifen. Zu solchen verpflichtenden Spielregeln des Gesellschaftsvertrages gehören nach meiner Auffassung die folgenden fünf:
  1. Absolute Beachtung des Gewaltverbots, auch innerhalb von Familien; die Unsitte der Zwangsverheiratung sollte nicht länger geduldet werden (Bielefeld 2005);
  2. Das Prinzip der Rechtsgleichheit von Mann und Frau ebenso wie das individuelle Recht der freien Selbstbestimmung eines Jeden/einer Jeden ist anzuerkennen;
  3. Das Primats der Gültigkeit der säkularen demokratischen Verfassung (mit Grundfreiheiten und Menschenrechten) vor der Praktizierung von je spezifischen Glaubensbekenntnissen (Bibel, Koran, Scharia);
  4. Wechselseitiger Respekt und wechselseitige Toleranz vor kulturellen Eigentümlichkeiten, solange diese nicht anderen erheblichen Schaden zufügen.
  5. Statt Kampf der Kulturen Verständigung als institutionalisierter Prozess: Bei inter-kulturellen Konflikten sollten Vertrauensleute (z. B. Schura-Mitglieder oder Vorsteher eines Koranvereins ) angerufen werden können, die den Unterschied zwischen der bisherigen Geltung einer moralisch-religiösen Norm (aufgrund der Tradition) und deren Geltungswürdigkeit im Lichte des Grundgesetzes und der universellen Menschenrechte erklären würden.
  • Als letzte Anregung zur Bewältigung der Jahrhundertaufgabe soll das Konzept des Zentralrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration zur Diskussion gestellt werden. In seinem Jahresgutachten 2015 fordert mittels zehn Kernbotschaften die ohnmächtig lavierende Koalitions-Regierung in Berlin auf, ein zuwanderungspolitisches Gesamtkonzept zu entwickeln. Es fordert zum Überdenken der jetzigen Praxis – Asylbewerber rein, Wirtschaftsflüchtlinge raus – auf und macht sich stark für legale, aber gesteuerte Migration:

„Das Ziel muss  eine von Beginn an abgestimmte Migrations- und Integrationspolitik sein, die bei den Botschaften im Ausland beginnt und im lokalen Umfeld des Wohnorts endet. Dazu müssen verschiedene institutionelle Akteure eingebunden werden: Neben den zuständigen Ministerien und den Arbeitgeberverbänden und Gewerkschaften als Sozialpartner sind dies die Hochschulen und Forschungseinrichtungen, aber auch die Länder als Verantwortliche für das Schulsystem, Unternehmen und auch zivilgesellschaftliche Einrichtungen…Ein Nationaler Aktionsplan Migration (NAM) könnte ein zentrales Element zur Formulierung einer solchen Strategie darstellen“ (S. 20). Damit vereinbar scheint der innovative Vorschlag der beiden Schweizer Professoren der Universität Zürich Margit Osterloh und Bruno S. Frey mittels eines Genossenschaftsmodells, in das alle migrationswilligen Menschen bei Fluggesellschaften in ihrem Herkunftsland einzahlen sollten, die illegale Migration und auch das kriminelle Schlepperwesen zu unterlaufen (Osterloh/Frey 2016).

Der Bericht des Zentralrats endet mit der Warnung: „Wer meint, dass Zugewanderte in wenigen Monaten oder Jahren ‚Deutsche‘ werden – was auch immer man darunter verstehen mag -, der hat aus der Geschichte der Migration und Integration nichts gelernt“; denn „Integrationsprozesse sind Generationsprozesse“ und alle bräuchten einen „langen Atem“. All das wird viel Geld und Fachpersonal kosten – und für die ersten Jahre – der gefährlichen Anfangsphase – wird es an allen Ecken und Ende an geschultem Personal fehlen – für Kitas und Schulen, für Polizei- und Grenzschutz-Dienststellen, für Krankenhäuser und Arztpraxen sowie für handwerkliche und andere Ausbildungsplätze.

Somit ergibt sich der Befund, dass es von beiden Seiten erheblicher Anstrengungen bedarf, kulturelle Differenzen auszuhalten und diese auch als mögliche Bereicherung zu begreifen. Die 28 Staaten der politisch zerstrittenen Europäischen Union mit ihrem zur Zeit erbarmungswürdigen Ringen um Obergrenzen und Lastenverteilung bei der Flüchtlingsfrage scheinen nicht fähig zu sein, eine einheitliche Lösung zu finden und zu bejahen: Es wird möglicherweise zu einer EU der verschiedenen Werte-Ordnungen und nationalen Identitäten kommen, was nicht ausschließen sollte, dass Deutschland und einige andere Länder der Europäischen Union auf dem Weg zu einem weltoffenen Experimentierfeld für religiöse Reformen und interreligiöse Toleranz fortschreiten. Die Chancen, dass wir Deutsche mit dieser Art von Integrationspolitik einen ungetrübten Erfolg haben werden, sind zugegebenermaßen nicht groß, aber ich sehe keinen anderen Weg als mit der Bereitschaft weiterzumachen, für eigene Überzeugungen gewaltfrei und Empathie-bereit zu werben.

Vortrag

Universitätsgesellschaft Hamburg

16. März 2016

 

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[1] Die Al-Azhar Universität hat ca. 400.000 Studierende, die Hälfte davon Frauen, und 16.000 Lehrkräfte.

[2] Kalif Uthman wurde im Jahr 656 von unzufriedenen muslimischen Soldaten ermordet, die Ali ibn Abi Talib zum neuen Kalifen ausriefen; doch Alis Machtübernahme wurde nicht allgemein anerkannt, so dass es zum ersten Bürgerkrieg 656-660 kam (Armstrong 2001: 242).

[3] Seit Jahren gibt es unter Gelehrten (darunter Günter Lüling und Christoph Luxenberg (Pseudonym)) eine Kontroverse darüber, ob der Koran möglicherweise auch vor-islamische Textstellen enthalten würde, z. B. christliche Hymnen- und Strophendichtung. Bekannt ist, dass es unter altarabischen Poeten auch Christen gab und im Koran des Öfteren von Jesus und Maria die Rede ist. Wolfgang Günter Lerch: „Über christliche Strophen im Koran“. Günter Lüling fordert in seinem Lebenswerk den Islam zu einer Reformation heraus“, in: FAZ Nr. 125 vom 1.06.2004, S. 9

[4] Vgl. die aufschlussreichen Autobiographien von drei erfolgreichen Journalistinnen aus Türkei, Polen und Vietnam in: „Wir neuen Deutschen. Wer wir sind, was wir wollen“, verfasst von: Özlem Topcu, Alice Bota und Khué Pham, 4. Auflage, Rowohlt

2 Gedanken zu „Verändern eingewanderte Muslime Deutschland und Europa?“

  1. Es läßt sich doch nicht verschweigen oder gar leugnen
    das sich durch die viele Jahre andauernde Migration aus
    aller Welt mit bisher immerhin fast 23 Millio,Deutsch-
    land in fast allen Bereichen verändert hat. Ganz Bezirke
    deutscher Großstädte, aber selbst Kleinstädte sind belegt
    von Menschen mit z.T völlig verschiedener Kulturkreise, Lebensart, Lebensweise,Sprachen,Religionen u.v.m.
    die dem deutschen Bürger fremd sind. Bei weiterer
    Zuwanderung in dieser Form wird die deutsche Kultur
    und Lebensart automatisch verdrängt werden. Dies ist
    in der Weltgeschichte nicht neu. Deutschland wird sich, ob es will oder nicht wohl darauf einstellen müssen Dies gilt ebenso für das europäisch geprägte Europa. Das ist der Preis, den wir für die Migrationspolitik zahlen werden.
    Eine Anzahl europ.Staaten haben es klar erkannt und die
    notwendigen Konsequenzen gezogen. Ob dies zum Nach-
    denken über die Zukunft und den weiteren Verlauf der
    tägl.Zuwanderung nach Deutschland und Europa führt
    bleibt anzuwarten. Jedenfalls ist derzeit zumindest in
    Deutschland ein Konzept für die weitere Zukunft dieser
    Problematik nicht zu erkennen.

    1. Sehr geehrter Herr Plachecki,
      Sie haben recht: Deutschland und Europa verändern sich durch die Einwanderung von Flüchtlingen und von Muslimen. Als Folge und Bestandteil der Globalisierung befinden wir uns in einer Zeit der beschleunigten Veränderung durch Menschen, die nicht in unserem Kulturkreis aufgewachsen sind, und das macht manchen verständlicherweise Angst. Dass dieser weltgeschichtliche Prozess in Europa zur Zeit politisch ungesteuert abläuft – z. B. haben die europäischen Länder und die EU noch immer keine Einwanderungspolitik (wie etwa Kanada, Australien, Neuseeland) – ist ein schweres Versäumnis. Wenn man sich die prekären Lebensverhältnisse in den meisten Ländern Afrikas und des Nahen und Mittleren Ostens anschaut, wo wohl Hunderte von Millionen von Menschen ihre Heimat verlassen möchten (wenn sie nur könnten), als Reaktion auf Krieg, Korruption, Klimawandel und andere Ursachen, dann wird einem deutlich, dass die behaglichen Zustände, in denen wir in den 1950er, 1960er und 1970er Jahre in Westeuropa gelebt haben, endgültig vorbei sind. Es entsteht ruckweise eine neue heterogene, bunte Gesellschaft – multireligiös, multikulturell, teils integriert, teils in Parallelgesellschaften ausdifferenziert. Man kann den Verlust des Vertrauten beklagen, man kann aber auch die Ärmel hochkrempeln und dazu beitragen, dass sich das enger werdende Miteinander diverser Gemeinden möglichst friedlich und nutzbringend für möglichst viele Menschen verläuft, die ja letztlich alle dasselbe wünschen: glücklich zu leben.
      Rainer Tetzlaff

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